Meinung : „Kuba hält am Weg des Sozialismus fest“

Michael Schmidt

Wendezeit. Zeitenwende. Erst fällt in Deutschland die Mauer, dann zerfällt das Sowjetreich. Und in Havanna findet mal wieder ein Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas statt. Wer in jenen Zeiten einen Blick auf die Inselhauptstadt warf, um zu sehen, wie es auf der Zuckerinsel weitergeht, da in Moskau und Osteuropa politisch gerade kein Stein auf dem anderen bleibt, der konnte feststellen: Tatsächlich tut sich auch hier etwas. Nichts Revolutionäres, aber immerhin, auf jenem Parteitag im Oktober 1991 traten ein paar verdiente Helden der kubanischen Revolution ab – und ein paar Junge rückten in verantwortliche Positionen vor.

Darunter Carlos Lage Dávila: Einer, der den Diktator Batista nicht mehr erlebt hatte; einer, der den Kampf Fidel Castros in den Bergen der Sierra Maestra, die Neugründung Kubas und den Beginn einer neuen Zeitrechnung auf der Karibikinsel nur aus Erzählungen kennt; einer mithin, der im Sozialismus à la Fidel groß geworden ist.

Der promovierte Mediziner und Sozialwissenschaftler hat eine klassische Parteikarriere hingelegt. Seit der Gründung der Nationalversammlung im Jahr 1976 ist er Abgeordneter, seit 1980 sitzt er im Zentralkomitee der Partei. Heute ist der 55-Jährige stellvertretender Staatsratsvorsitzender. Nach der Machtübergabe Fidel Castros an seinen jüngeren Bruder hat er ein paar Funktionen des „maximo lider“ übernommen. Und er gilt, auf lange Sicht, als einer der wenigen ernst zu nehmenden Nachfolgekandidaten des bald 80-jährigen Fidel.

Wendezeit? Zeitenwende? Lage gilt als Architekt der wirtschaftlichen Reformen der 90er Jahre, der sogenannten Sonderperiode. Damals wurden Teile der kubanischen Wirtschaft versuchsweise dezentralisiert, mehr Eigenverantwortung für Unternehmer und Manager zugelassen und der US-Dollar zur Zweitwährung erklärt. Für Dissidenten und Exilkubaner ist er, wie die Castro-Biografen José de Villa und Jürgen Neubauer schreiben, genau aus diesem Grund neben Fidel die beliebteste Zielscheibe der Kritik: Er versucht einem, wie sie es sehen und wünschen, todgeweihten System mit lebenserhaltenden Maßnahmen noch einmal auf die Beine zu helfen.

Warum Lage in aller Munde ist, wenn es um die Zukunft des Inselstaates geht? Er ist ein Fidelist mit eigenem Kopf. Er hat sich gegen alle Anfeindungen gehalten. Und er ist, in Kuba keine Selbstverständlichkeit, über jeden Verdacht der Selbstbereicherung erhaben.

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