Meinung : Künasts Agrarwende: Ohne die Kraft der Krise

Kein Boykott dauert ewig. Ein gutes halbes Jahr nach der Entdeckung des ersten deutschen Falles von Rinderwahn greifen die Verbraucher wieder beherzt zu. Der Rindfleischkonsum liegt nur noch wenig unter dem Niveau vor der BSE-Krise. Das reicht dem Deutschen Bauernverband (DBV), um das Ende der Krise auszurufen: "Wir brauchen keine Agrarwende."

Befreit vom unmittelbaren wirtschaftlichen Druck spricht Bauernpräsident Gerd Sonnleitner aus, was er sich monatelang aus Rücksicht auf die Verbraucher verkniffen hatte. Und er spricht seiner Basis aus der Seele. "Wir haben Kriege und Plünderungen überstanden, wir werden auch Grüne überstehen", hieß es auf einem Transparent, mit dem Verbraucherschutzministerin Renate Künast von den Grünen am Freitag beim Bauerntag in Münster empfangen wurde. Die gellenden Pfiffe, die ihre Rede immer wieder unterbrachen, dürften sie nicht überrascht haben.

Schließlich geht es seit Ostern nicht mehr nur um Ankündigungen. Die Agrarwende hat begonnen. Künast hat eine anspruchsvolle Hennenhaltungsverordnung auf den Weg gebracht, die das Ende der Legebatterien bedeuten wird. Sie hat den Ländern die Zustimmung dazu abgerungen, die nationalen Fördermittel künftig vor allem für den ökologischen Landbau auszugeben. Und sie ist entschlossen, den Bauern direkt ans Konto zu gehen: Die EU-Subventionen sollen teilweise gekürzt und in eine umweltverträgliche Landwirtschaft investiert werden - spätestens 2003.

Künast hat ihre Zeit genutzt, um erste Spuren in der deutschen Agrarpolitik zu hinterlassen. Das nimmt ihr der Bauernverband übel. Er war durch die BSE-Krise geschwächt wie selten zuvor. Und Sonnleitner weiß als erfahrener Lobbyist, wann es besser ist, den Mund zu halten. Doch jetzt, wo die Konsumenten erste Anzeichen von Vergesslichkeit zeigen, organisiert der Bauernpräsident den Widerstand. Der Bauerntag ist der ideale Zeitpunkt dafür. Bei diesem Hohefest der Bauernschaft wird traditionell nicht mit dem Florett gefochten, eher schon mit dem Knüppel zugeschlagen.

"Jetzt muss endlich Schluss sein mit dem Horror", hat Sonnleitner in Münster verlangt. Das denken sich offenbar auch die meisten Verbraucher. Und deshalb hat Künast ein Problem. Zwar ist nichts so sicher wie der nächste Lebensmittel-skandal. Oder die nächste BSE-Krise, die spätestens dann eintreten wird, wenn der erste Deutsche an den Folgen der Hirnschwammkrankheit sterben wird. Dann werden sich die Verbraucher ihrer Macht wieder erinnern. Doch vorerst muss Künast ohne diese Form der Unterstützung auskommen. Die meisten Menschen haben keine Ahnung, woher ihre Lebensmittel kommen. Und wollen es - von Krisenzeiten abgesehen - auch nicht wissen. Trotzdem ist Künast auf diese mächtige, aber unzuverlässige Lobby angewiesen. Die Agrarwende wird in den Anfängen stecken bleiben, wenn die Verbraucher nicht mitziehen. Sichere Lebensmittel sind zum Discount-Preis eben nicht zu haben.

Renate Künast muss nun ohne den Druck des Skandals bei jedem Reformschritt erneut für die Agrarwende werben. Wenn die Verbraucher nicht bereit sind, für die Erzeugnisse einer umweltverträglichen Landwirtschaft leicht höhere Preise in Kauf zu nehmen, wird die Ministerin keinen Erfolg haben. Das weiß sie. Und deshalb kämpft sie um Zustimmung. So wie in Münster. Nach den Pfiffen am Anfang bekam die Ministerin gegen Ende ihrer Rede doch noch Applaus. Denn bei aller verbalen Kraftmeierei - die meisten Bauern wissen, dass sich etwas ändern muss.

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