Künstliche Befruchtung : Grenzen des Glücks

17.07.2010 18:43 UhrVon Claudia Keller

Alle Eltern wünschen sich natürlich ein gesundes Kind. Aber wenn das Wünschen wirkt wie eine Bestellung, verliert es seine Unschuld. Den rundum optimierten Menschen wird es nie geben.

Manche Menschen kommen auf einem Bein schneller voran als die meisten auf zwei Beinen. Bei den paralympischen Spielen kann man ihnen zuschauen – und staunen. Andere haben noch nie das Grün der Bäume gesehen und freuen sich doch, wenn der Frühling kommt. Manches Kind wird nie einem Ball hinterherlaufen können und jauchzt trotzdem vor Glück, wenn es im Sandkasten bei den anderen Kindern sitzen darf. Behinderte Menschen können leistungsstark sein, glücklich und das Leben genießen, keine Frage.

Körperliche und geistige Einschränkungen bringen aber auch großes Leid mit sich. Wer behindert ist, muss sich mit Schmerzen plagen, findet schwerer eine Arbeit und kaum Anerkennung.

Daran ändern auch Gleichstellungsbeauftragte und der Fachkräftemangel wenig. Väter und Mütter von behinderten Kindern stehen vor riesigen Hürden, selbst wenn der Aufzug am Bahnsteig funktioniert. Das Baby, das nicht der DIN-Norm entspricht, passt in keinen Kinderwagen, der Jugendliche mit dem Rollstuhl kaum durch die Tür. Ein Parcours von Ärzten und Ämtern ist zu bewältigen, Freunde und manchmal auch enge Verwandte kehren ihnen den Rücken zu. Die Schwierigkeiten hören mit der Volljährigkeit der Kinder nicht auf, sondern dauern oft ein Leben lang an.

Der Bundesgerichtshof hat jetzt entschieden, dass erblich vorbelastete Eltern bei einer künstlichen Befruchtung die Präimplantationsdiagnostik (PID) nutzen dürfen. Mit diesem Verfahren werden im Reagenzglas verdächtige Eizellen aussortiert und nur die gesunden in den Bauch der künftigen Mutter eingesetzt. Kritiker warnen vor einer „TÜV-Gesellschaft“ und befürchten, dass die Diskriminierung behinderter Menschen weiter zunehmen wird. Die Sorge ist berechtigt. Wer vorne mithalten will, muss gesund, belastbar und möglichst klug und schön sein. Wer das nicht von Natur aus ist, kann sich operieren, therapieren und trainieren lassen. So entsteht der Eindruck, jeder könne selbst entscheiden, ob er zu den Optimierern oder den Verlierern gehört. Wenn aber alles Erwünschte machbar und alles Unerwünschte vermeidbar erscheint, wird Krankheit zum persönlichen Makel, an dem jeder selbst schuld ist. Schon jetzt müssen sich Eltern, die ein krankes Kind zur Welt bringen, fragen lassen, ob sich „das“ nicht hätte vermeiden lassen.

Alle Eltern wünschen sich ein gesundes Kind, natürlich. Aber wenn das Wünschen wirkt wie eine Bestellung, verliert es seine Unschuld – auch deshalb, weil jede Entscheidung gegen ein krankes Kind ein bisschen dazu beiträgt, dass das alltägliche Leben mit behinderten Menschen immer weniger selbstverständlich wird. Perfektion wird immer mehr zum Maßstab von allem und für alle.

Aber den rundum optimierten Menschen wird es nie geben; es ist eine Illusion zu glauben, alles sei machbar. Die meisten Behinderungen entstehen nicht durch vorgeburtliche Fehler, sondern im Laufe des Lebens durch Unfälle und Krankheiten. Davor kann sich niemand vollständig schützen, da hilft keine PID, kein Coaching und kein Fitnessstudio, und auch die plastische Medizin hat ihre Grenzen. Selbst vermeintlich perfekte, belastbare Leistungsträger können von einem Tag auf den anderen zusammenbrechen. Immer mehr Menschen erkranken an Depressionen, weil sie dem Leistungsdruck nicht gewachsen sind. Die Suizide des Torwarts Robert Enke und der Richterin Kirsten Heisig haben das auf grauenhafte Weise deutlich gemacht.

Ist es also letztlich fatal, verhängnisvoll, ja: verwerflich, wenn sich Eltern ein gesundes Kind wünschen und deshalb nur unverdächtige Eizellen befruchten lassen? Schon diese Wahl zu haben kann eine enorme Qual sein, weil die Entscheidung, egal wie sie ausfällt, nicht eine hundertprozentig „gute“ sein wird. Bewusst abgewogen und getroffen, verdient sie deshalb Respekt, so oder so. Glück lässt sich nicht erzwingen, ja nicht einmal perfekt beschreiben. Wünschen hilft weiterhin nur bedingt. Das ist die schlechte Nachricht – und zugleich auch die gute.

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