Kultur der Krise : Reden wir über Geld

Bis vor Kurzem wollte keiner über die Einkünfte seiner Mitmenschen reden. Das ändert sich mit der Finanzkrise. Jetzt beginnt die Diskussion um das Vielvielmehr, um die Gehalts-Exzesse. Sie tragen dazu bei, dass zur Rettung unseres Wohlstand Billionen bewegt werden, während alle sechs Sekunden ein Kind stirbt.

Peter von Becker

Über Abfindungen und Managergehälter ist schon ein bisschen gesprochen und auch gestritten worden, spätestens seit dem Mannesmann-Prozess. Aber trotz Gerechtigkeitsdebatten, Armutsberichten oder Steuerdiskussionen galt es in Deutschland bis vor Kurzem als kulturell unfein, wirklich Tacheles über die Einkünfte seiner Mitmenschen zu reden. Von Spitzensportlern und Glitzernasen im Showbusiness einmal abgesehen. Keiner, der nicht ein Angeber war, wollte sich „reich“ nennen, und die Politik sprach nur verschämt von den „Besserverdienenden“.

Mit der Finanzkrise ändert sich das. Man wird zusehends unverschämter. Und wahrhaftiger. Münteferings Heuschrecken sind ja schon sprichwörtlich geworden. Aber das war noch eine biblisch-tierische Metapher. Jetzt indes wird es menschlich konkreter. Als Finanzminister Steinbrück auf Nachfragen ziemlich spontan 500 000 Euro als vorstellbare Gehaltsobergrenze für Staatsgeld suchende Topbanker nannte, hat er kaum ahnen können, dass ein Commerzbankchef, der bisher ein Vielfaches verdient, das Gedankenspielgeld kurz darauf als seinen angemessenen Reallohn akzeptieren würde.

Wer die Geldfrage in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft mit auch nur halbwegs konkreten Zahlen stellte, geriet bis eben noch unter querulatorischen Sozialneid-Verdacht. In den USA dagegen wird, wer wie Obama die Steuern der Wohlhabenden (irgendwann) anheben will, gleich mit dem Sozialismus-Verdacht überzogen. Trotzdem gehen die Amerikaner mit Gehältern, Profiten und Privilegien sehr viel offener um.

Als kürzlich die Chefs der maroden Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler vorm US-Senat um Staatsgelder nachsuchten, wurde das Verhör zum öffentlichen Grill. Ob einer der drei Autobosse, die in ihren persönlichen Firmenjets nach Washington geflogen waren, mit einer normalen Fluglinie zurückreisen würde? Allein das Ansinnen war für die Vorstandsvorsitzenden sichtlich eine Zumutung. Doch dann kam der echte Schock: Vor den Kameras der Nation fragte ein Senator, ob einer der drei, die hier die Milliardengelder der Steuerzahler forderten, dafür persönlich bereit sei, ab sofort als One-Dollar-Man zu arbeiten. Die mit zweistelligen Millionengehältern gesegneten Herren blickten wie ertappte Schulbuben – und murmelten auf wiederholte Nachfragen nur kleinlaut beharrend, für sie sei es „gut so, wie es ist“.

So gut und schlecht wird es kaum bleiben. Dabei geht’s nicht darum, dass besondere Kompetenz und Kreativität nicht auch künftig ihren Wert haben. Es geht vielmehr ums Vielvielmehr. Dies sind die rund um den Globus vermeintlich normal gewordenen Exzesse. Sie tragen bei zum Skandal, dass zur Rettung unseres Wohlstands jetzt Billionen wie in einem luxuriösen Nullsummenspiel bewegt werden müssen – während alle sechs Sekunden ein Kind an Hunger stirbt und mehr als eine Milliarde Menschen von täglich kaum einem Dollar sein Überleben fristet.

Heute also muss es nicht erst Advent werden, damit der Münchner Erzbischof Marx einen aktuellen Bestseller landet mit dem koketten Titel „Das Kapital“. Auch Marx, ein Mann der katholischen Soziallehre, nennt Zahlen: Das Zwanzigfache eines Arbeitereinkommens müsse genug sein für einen Konzernvorstand. Und nicht das Tausendfache. So wird uns die Diskussion „500 000 plus“ noch länger begleiten. Sie hat gerade erst angefangen.

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