Kultur : Wir können ja gute Freunde bleiben

Von Ex-Freunden, leidenschaftslosen Menschen und ihren Beziehungen: Laura Santini findet das kulturell Fremde zwischen Deutschen und Amerikanern.

Laura Santini

Mitte der 90er Jahre lebte ich in Berlin, das College hatte ich gerade hinter mir, hier wollte ich das Leben kennenlernen. Mein Geld verdiente ich mit Englischunterricht, und schon bald verbrachte ich die übrige Zeit mit meinem neuen deutschen Freund, den ich an der Sprachschule getroffen hatte. Mit Andre schmolz die Härte der Stadt dahin, der graue Himmel und die störenden Baugruben verschwanden. Berlin wurde nun zu einer gnädigen Kulisse für unsere Romanze: Spaziergänge durch den Grunewald, Picknicks an der Krummen Lanke, Geschichten in diesem oder jenem Café über uns, unsere Familien, unsere Jugend.

Als ich vergangene Woche wieder nach Deutschland kam, rief ich meinen Ex-Freund an. Es war eines der ersten Dinge, die ich hier tat. Wir hatten uns kurze Zeit, nachdem ich nach New York gezogen war, wieder getrennt. Aus Gründen, die ich mit geometrischer Logik erklären könnte, löste sich unsere Nähe auf, wie auch in so vielen anderen meiner Beziehungen. Doch was Andre von diesen anderen Beziehungen unterscheidet, ist, dass wir heute noch immer Freunde sind. Mein – statistisch nicht besonders fundiertes – Beweismaterial zeigt, dass in Deutschland die fortgesetzte freundschaftliche Beziehung mit einem Ex der Norm entspricht; in Amerika gilt das als Ausnahme.

Gehe ich meine amerikanischen Freunde durch, dann kriege ich mit Mühe und Not eine Handvoll ähnlicher Beispiele zusammen – und in solchen Fällen wird der Kontakt aufrechterhalten, um das Wohlergehen der gemeinsamen Kinder zu gewährleisten. „Darin bin ich nicht besonders gut“, sagt mir eine Freundin etwas irritiert, als ich ihr von meiner Beobachtung in Deutschland erzähle. Andere haben unfreundlichere Theorien. „Leidenschaftslose Menschen!“ nennt die Deutschen einer, der Professor für klassische Musik an der Juilliard School ist. Offenbar hat er vergessen, dass Bach 20 Kinder in die Welt gesetzt hat, und dass Clara Schumanns Liebe zu Robert, den sie gegen den Willen ihres Vaters geheiratet hatte, für ihn die Inspiration für einige seiner größten Werke war.

Als ich 2001 mit einem Bekannten, mit dem ich nicht zusammen war, für kurze Zeit nach Berlin kam, übernachteten wir bei Andre – meine Freunde in den USA schüttelten darüber nur den Kopf. Manchmal wundere ich mich selbst darüber, dass unsere Beziehung all diese Jahre überstanden hat. Als 20-Jährige in Berlin staunte ich immer wieder, wie locker hier alle bei einer Party auf Ex-Freundinnen oder Ex- Freunde zeigen. Die Erinnerung daran, mit diesen Menschen im Bett gewesen zu sein, schien sie nicht zu erschüttern.

Meine eigene Theorie basiert darauf, dass es in beiden Kulturen ein unterschiedliches Verständnis von Beziehungen gibt. Deutsche öffnen sich Fremden nicht leicht. Und dazu gehört, andererseits, dass sie Freundschaften nicht leichtfertig beenden. In Amerika spricht man gewöhnlich von einem weiten Kreis von Bekannten als „Freunden“. In Hongkong, wo ich derzeit arbeite, gewinnt man unter den Zugereisten schnell Freunde, verliert sie aber auch wieder,wenn sie wegziehen.

Andre ist es anzurechnen, dass wir uns nah blieben. Anfangs rief er regelmäßig an und kündigte jeden Besuch in New York an. Mein Anruf bei ihm vergangene Woche zeigt, dass wir uns nun beide darum bemühen. Jeder ist ein Teil der Geschichte des anderen. Wir kennen uns so gut, dass wir gern zusammen sind, ohne uns über die Details unserer Leben auszutauschen.

Je älter ich werde – und je bemühter, einen Lebenspartner zu finden –, desto mehr tröste ich mich damit, dass ich wichtige Beziehungen erfahren habe. Das ist mir in den vergangen Tagen hier besonders deutlich geworden. Ich freue mich, in Berlin neue Leute kennenzulernen. Und den einen oder anderen Freund zu finden. Doch den Sonntag verbringe ich mit meinem Ex-Freund.

Die Autorin berichtet für das „Wall Street Journal“ aus

Hongkong und ist zurzeit als

Arthur-F.-Burns-Stipendiatin beim Tagesspiegel.

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