Kulturhauptstadt Ruhr : Herzliche Rivalität

Die Begeisterung über das eigene Potenzial mag im Ruhrgebiet das ganze Jahr über anhalten, doch gelöst sind die Probleme der Region mit der "Kulturhauptstadt Ruhr 2010" nicht. Je eher das Gebiet seine Probleme angeht, desto besser für die Zukunft.

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Spinnefeind sind sich die Fans von Borussia Dortmund und Schalke 04. Das Ruhrderby ist ein ewiger Klassiker, nicht zuletzt, um sich voneinander lautstark abzugrenzen. Genau andersherum ist das Konzept der „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ gestrickt. Es zielt auf Gemeinsamkeit. 53 Kommunen des Regionalverbands Ruhr nehmen teil, 52 von ihnen dürfen jeweils eine Woche lang im Mittelpunkt stehen; Essen als Zentrale des Kulturprogramms ist ohnehin das ganze Jahr über präsent. Mittlerweile sind die Jubelreden zur Eröffnung des Kulturjahres verklungen, ist der Ausnahmezustand ein Jahr lang Alltag, mit 2500 Veranstaltungen aus einem 224 Seiten dicken Programmbuch. Rekorde, Rekorde – darunter tut’s das Ruhrgebiet nicht, wie zum Beweis, dass geballte Masse Qualität darstellt. Es heißt nicht mehr Revier, sondern gleich „Metropole Ruhr“.

Mag sein, dass die Begeisterung über das eigene Potenzial das ganze Jahr über anhält. Doch gelöst sind die Probleme des Ruhrgebiets nicht. Im Gegenteil, das Programm in seiner Wir-nehmen- alle-ins-Boot-Vielfalt zeigt sie überdeutlich. Wo soll die angebliche Metropole zu finden sein? Aufgesplittert zwischen Niederrhein und Sauerland? Wohl kaum. Oder in Essen, das seinen Hauptstadttitel großzügig mit der Region teilt? Da sei (nicht nur) Rivale Dortmund vor. Wenn das Ruhrgebiet etwas eint, dann die eifersüchtig gehütete Abgrenzung. Sie trägt folkloristische Züge, ist jedoch der Wirtschaftskonkurrenz in einer seit Jahrzehnten im Niedergang, freundlicher: im Wandel begriffenen Region geschuldet.

„Wandel“ lautet das strapazierte Zauberwort. Es ist nicht neu. Wandel begleitet das Revier seit den allerersten Anfängen der Montanindustrie, Wandel in Wirtschaft, Bevölkerung, Verkehr, und nur die Kultur hat dabei nie jene erste Geige gespielt, die ihr nach dem Ende des Kohlenpotts erstmals anvertraut wird. Kultur soll wieder einmal richten, was die Politik nicht schafft – nämlich das seit 200 Jahren verflochtene Ruhrgebiet in eine gemeinsam verantwortete Zukunft zu leiten. Vor 90 Jahren bereits gab es das Vorhaben, aus dem „Giganten an der Ruhr“ – so ein Buchklassiker von 1928 – eine einheitliche „Ruhrstadt“ zu schaffen, das Fundament jener heute erträumten Metropole. Es blieb beim 1923 gegründeten „Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk“, dem Vorläufer des Regionalverbandes. Neuerlich entfacht ist die Rivalität im Revier durch das landespolitische Vorhaben, die Zahl der fünf NRW-Regierungsbezirke auf drei zu verringern – und dabei einen neuen Bezirk fürs Ruhrgebiet zu schneidern. Bislang haben gleich drei Regierungsbezirke das Sagen, dazu zwei Landschaftsverbände, die das tägliche Leben mitbestimmen.

Über alledem glitzert das Kultur-Mammutprogramm. Nachhaltige Wirkungen sind aus den allerwenigsten Städten bekannt, die in den vergangenen 25 Jahren europaweit den Kulturhauptstadt-Titel tragen durften. Wandel steht so oder so auf der Tagesordnung, mittlerweile überschattet vom Bevölkerungsrückgang, dem kein Kulturprogramm Einhalt gebieten kann. Er verteilt sich höchst ungleich übers Revier. Essen geht’s gut, Oberhausen und Gelsenkirchen hingegen haben eine Perspektive, die sich von derjenigen in Cottbus oder Chemnitz kaum unterscheidet. Je eher das Ruhrgebiet seine tatsächlichen Herausforderungen angeht, desto besser für die Zukunft. Sie wird des Metropolenglanzes ohnehin entbehren.

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