Kunst der Diplomatie : Nichts ersetzt die Strickjacken-Politik

Die Kunst der Diplomatie wird heute unterschätzt: An die Stelle langwierig mühevoller, aber nachhaltiger Verhandlungen ist das flüchtige Bild getreten. Erhard im Texashut, Kohl in der Strickjacke und Westerwelle mit Kippa.

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Es war längst kein Geheimnis mehr, doch nun hat es George Bush öffentlich gemacht. Er fühlte sich von Ex-Kanzler Gerhard Schröder getäuscht. Schließlich habe ihm dieser Unterstützung im Irakkrieg zugesagt, wenn alles nur schnell und effektiv geschehe. Schröder beharrt demgegenüber darauf, dass er eine solche Unterstützung nur für den Fall in Aussicht gestellt habe, dass Saddam Hussein mit Terroristen zusammenarbeite und an Massenvernichtungswaffen bastele, was beides nicht zutraf. Und natürlich kann der frühere Regierungschef für seine Version des Gespräches zwei deutsche Topdiplomaten ins Feld führen. Auch wenn niemand außer den Beteiligten wissen kann, wer Recht und wer Unrecht hat, eines ist jedenfalls offensichtlich: Missverstanden hat einer den anderen oder haben sogar beide einander.

Und das wirft ein trübes Licht auf die zeitgenössische Diplomatie oder besser gesagt auf den Mangel derselben. Denn längst ersetzen meistens nutzlose und manchmal sogar schädliche Gipfelbegegnungen von auf das heimische Publikum schielenden und von Wahlkämpfen gehetzten Politikern das Tagwerk der Diplomatie. Und an die Stelle langwierig mühevoller, aber nachhaltiger Verhandlungen ist das flüchtige Bild getreten. Erhard im Texashut, Kohl in der Strickjacke und Westerwelle mit Kippa. Doch gerade das, was die Bilder suggerieren, die menschliche Nähe unserer ununterbrochen reisenden Spitzenpolitiker, ist das gefährlich unprofessionelle dieser Fernsehdiplomatie. Denn nicht allein Missverständnisse, sondern auch persönliche Befindlichkeiten wirken wie Sand im Getriebe der Maschinerie des Auswärtigen Dienstes.

Es ist eben keine gute Idee, wenn Präsident Obama mitten im Gespräch mit dem israelischen Ministerpräsidenten zum privaten Mittagstisch eilt. Man muss kein Freund israelischer Siedlungspolitik und ihres obersten Repräsentanten sein, um diese Missachtung als undiplomatisch, ja unprofessionell zu empfinden. Und während unsere hochbezahlten und exzellent geschulten Diplomaten oft nur noch bessere Reisebüros für Bundestagsabgeordnete und einen Schwarm von Provinzpolitikern sind, gerät Außenpolitik immer mehr zum zufälligen Ergebnis einer Diagonale von innenpolitischem Kalkül, parteipolitischen Überlegungen und richtigen Einsichten. Es mag Ausnahmen geben, Kohls Strickjackenbesuch bei Gorbatschow war so eine, doch fast immer sind persönliche Begegnungen von oftmals nicht in Außenpolitik geschulten Parteipolitikern das Problem und nicht die Lösung.

Es mag ja sein, dass Demokratie, Öffentlichkeit und die modernen Kommunikationsmittel bis hin zur Videokonferenz eine andere Diplomatie notwendig machen, als es die von Metternich, Talleyrand und Bismarck war. Doch es waren nicht nur die großen Entfernungen und die fehlenden Kommunikationsmittel, die das außenpolitische Tagesgeschäft den Diplomaten überließen, es war die kluge Einsicht, dass eine Begegnung von Souveränen nicht selten mehr Schaden als Nutzen stiftet. Die Bush-Erinnerungen bestätigen diese weise Selbstbeschränkung der klassischen Diplomatie aufs Nachdrücklichste – die Fernsehbilder von Obama und Merkel auf dem Gipfel von Seoul leider auch.

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