Meinung : Kunst kommt von Krach

Über die Bühne: Warum die jüngsten Theaterskandale der Gesellschaft gut tun

Rüdiger Schaper

So viel Aufruhr war selten: Tumulte in der Komischen Oper, fristlose Kündigung des künstlerischen Leiters der Ruhrfestspiele, Attacken gegen den Berliner Kultursenator, weil er offenbar zwei Intendantenposten in der Hauptstadt neu besetzen will. Und Bayreuth zittert vor Schlingensiefs Wagner-Premiere. So viel debattiert, gebuht und gejubelt wurde in der gesamten Spielzeit nicht.

Kultur sei das Gedächtnis sozialer Systeme, sagt Niklas Luhmann. Damit legitimieren sich auch die weltweit immer noch einzigartigen Subventionen, die sich Deutschland leistet. Das kulturelle Gedächtnis aber scheint löchrig zu sein. Viele Zeitgenossen leiden an Gedächtnisschwund. Man vergisst, dass entscheidende Werke der Klassik oft unter hohen persönlichen Opfern durchgesetzt wurden. Dass das Theater in Deutschland von Anfang an zwei unterschiedliche Beine hatte: das Spielbein, das mit dem staatstragenden, repräsentativen Standbein auf Kriegsfuß steht.

Schiller floh 1782 nach der Uraufführung der „Räuber“ vor dem despotischen Herzog. Hauptmanns streikende „Weber“ waren 1893 ein Fall für die Zensur. Wilhelm II. kündigte die Kaiserloge im Deutschen Theater, als das Verbot der „Weber“ gerichtlich aufgehoben wurde. Brecht, von den Nazis ins Exil getrieben, war in der DDR ein schlecht gelittener Künstler. In West-Berlin bekämpften CDU-Politiker Anfang der 70er Jahre zwei Theatergründungen: Schaubühne und Grips-Theater.

Es ist nützlich, sich an vergangene Skandale und vergessene kulturpolitische Kräche zu erinnern. Denn sie kommen wieder. Vorbei die lange Konsensphase. Die zunehmende Heftigkeit der Auseinandersetzung um Posten und Premieren tut dem Theater gut – und der Gesellschaft, deren Spiegel die Bühne einem alten Gerücht zufolge ja sein soll.

Jetzt bricht die Verkrustung an verschiedenen Orten auf. Und man sieht: Kunst kommt von Krach.

Zum Beispiel Mozart. Gibt es schönere Musik, größeren Genuss? Der spanische Regisseur Calixto Bieito ist ein frecher Hund. Er nimmt sich die Freiheit, die Mozart-Statue anzupinkeln mit drastischen Sex- und Gewaltszenen. Bieitos zugegeben eigenwillige Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ funktioniert wie ein Weckruf. Er erinnert mit heftigen Mitteln daran, dass das Libretto des „Serail“ eine immer schon heftige Geschichte von Sklaverei und Liebe erzählt. Die wütenden Gegner der skandalisierten Aufführung übersehen die Tradition des Hauses. Schließlich wurde die Komische Oper einmal als modernes Musiktheater gegründet (man singt deutsch!), gegen die rein kulinarische Opernpraxis. Nach dem enervierenden Gezerre um eine Berliner Opernstiftung streitet man endlich wieder über – Kunst.

Wenn sich Kultursenator Thomas Flierl um das Profil der Berliner Staatstheater sorgt, ist das auch gut und richtig. Politiker sollen nicht in künstlerische Prozesse eingreifen. Aber sie haben Personalentscheidungen zu treffen. Und davon hängen künstlerische Profile ab. Wenn der Senator starke Alternativen zu den bestehenden Intendanzen am Maxim-Gorki-Theater und wohl auch am Deutschen Theater hat, dann wage er sich vor. Dieses Spiel ist riskant. Aber das ist Theater ohnehin, sonst verdient es seinen Namen nicht. Mit Sicherheitsspiel kann alles scheitern: Politik, Fußball, Theater.

Ach ja: Reformen. Es ist schon so weit, dass ein Frank Castorf wie der neue Bundespräsident Horst Köhler klingt, wenn er über seinen kurzen Ausflug zu den Ruhrfestspielen spricht, ins sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Kernland. Legt euch wieder hin: Nach nur einer Saison hat der DGB Castorf in Recklinghausen gefeuert. Zu viel Reform, zu schnell, und vielleicht auch nicht gut genug vorbereitet. Castorf aber zeigt sich guter Dinge. Da ist etwas in Bewegung gekommen, sichtbar geworden.

Es tut weh, aber es ist wahr: Ohne Gehirnerschütterung gibt es kein kulturelles Gedächtnis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar