Meinung : Kunst. Macht. Globuli?

Foto: Wrede/Gabriel
Foto: Wrede/Gabriel

„Wir sind alle Künstler“ vom 6. April

Wenn sich auf den Aufruf der Deutschen Bank „Macht Kunst“ über 1000 Künstler schon am ersten Bewerbungstag melden und sich mehr als sechs Stunden bei eiskaltem Wetter anstellen, ist das kein Zeichen dafür, um jeden Preis und egal wie einmal in der Kunsthalle zu hängen bzw. an anderer Stelle anlässlich des GalleryWeekends. Es ist eher der Beweis dafür, dass Berlin, das sich ja so gerne als die Stadt der Kreativen und Künstler präsentiert, viel zu wenig für Künstler bietet. Das Potenzial wird nicht ausgeschöpft, denn es gibt viel zu wenig Möglichkeiten für Künstler, sich zu präsentieren. Es ist löblich, dass so etwas wie „Macht Kunst“ – nicht ganz selbstlos – von der Deutschen Bank organisiert wird. Aber warum passiert so etwas nicht vom Senat oder der Museenlandschaft Berlins aus? Warum veranstaltet man eine ähnliche Aktion nicht mal in der Neuen Nationalgalerie? Es wird nichts riskiert in dieser Stadt, immer wird hauptsächlich auf Bewährtes gesetzt und den tausenden (mehr oder weniger unentdeckten) Künstlern wird immer und zu jeder Zeit zugemutet, sich stundenlang zu bewerben oder anzustellen, unter dem Motto, sind ja alles „Spinner“.

Wolfgang Sterrer, Berlin-Tegel

Eigentlich sind wir müde. Aber: Vor lauter Lebendigkeit und Kreativität, weil wir in Berlin sind, der europäischen, wenn nicht weltweiten Kunstmetropole schlechthin, und leider profan auch aufgrund des Wetters, stehen wir mit Gänsehaut in der Schlange. Von der Hedwigskathedrale bis an die Tür des zur Kunsthalle der Deutschen Bank mutierten vormaligen Guggenheim-Ablegers, Bild bei Fuß und hoffen. Auf was? Ablass? Einlass! Im Stau stehen die Naiven, die wirklich hoffen, neben akademisch ausgebildeten Künstlern, die ihr Existenzminimum vom Amt beziehen, die Zyniker, die sich mit Perfomances gegen den Zynismus des Unterfangens auflehnen und all die anderen, die sich in ihrer Einzigartigkeit auf ihre von Warhol konstatierten 15 Minuten Ruhm berufen … Auch wenn auf den zum Ereignis geposteten Youtube-Videos eine erstaunliche Langmut, ja fast Vergnügtheit durchscheint: Das Bemerkenswerteste am Berliner Kunstbetrieb zurzeit ist doch insgesamt das Ausmaß an Unzufriedenheit!

Und nun Kunsthalle. Déjà-vu … Es war einmal … ein Flachbau in Berlin-Weißensee. Marke DDR, ehemals Kaufhalle, lange improvisiertes Bildhauereiatelier für Studierende, seit Ende 2010, weil das in die Diskussion passte und – wie man sieht – noch passt, genannt: Kunsthalle am Hamburger Platz. Dort wurde im Mai 2011 als Reaktion des von Empörung bis Häme begleiteten „open call“ des Regierenden Bürgermeisters an die Künstler der Stadt, sich zur Bestandsaufnahme mittels eines Portfolios zu melden (in dessen Folge die dann doch eilig und bemüht kuratierte Ausstellung „Based in Berlin“ zustande kam) ebenfalls aufgerufen: Jede/r durfte ein Werk einreichen, das ausgestellt wurde. Nun gut. Die „weißensee kunsthochschule berlin“ ist keine Geldmaschine und die Kunsthalle am Hamburger Platz keine Kunsthalle formerly known as Guggenheim. Wir hatten knapp 700 Künstler und Werke in der Ausstellung, ca. 1500 Besucher bei der Eröffnung und zehn, z. T. am Vorabend organisierte Veranstaltungen mit oft mehr als 100 Besuchern Berlins und darüber hinaus. Eigentlich gibt es in Berlin (so wie in Phnom Penh,

Ammerbuch Reusten oder New York) genügend

Möglichkeiten für Künstler, sich zu präsentieren.

Woran es mangelt, sind die Künstler/Kuratoren,

die mit intelligenten Konzepten und vielleicht dem Mut zum Abseits Orte finden, lebendig machen und so für sich selbst und Gleichgesinnte eine Bühne

organisieren, um ihre eigene, möglicherweise neuartige Kunst sichtbar zu machen.

Es gibt zu viele Künstler (und Ausbildungsstätten, die in diesem Sinne Künstler generieren), die sich freiwillig in Abhängigkeiten begeben zu „namhaften“, „wichtigen“, „hochwertigen“ Künstlern, Kuratoren, Ausstellungen, Instituten und dem, was gerade „zeitgemäß“ ist. Diese Strategie kann karrierefördernd sein, führt aber zu der inflationären Ausbreitung von Ausstellungen mit Werken, die bei Lichte betrachtet seit Jahrzehnten Gesehenes wiederholen, nunmehr in homöopathischer Verdünnung, was die sinnlichen und formalen Qualitäten anlangt. Dafür gern aufgepimpt mit politischen Botschaften, die Künstlern/Kuratoren und Publikum die Gelegenheit geben, sich intellektuell und moralisch auf der richtigen, meint „kritischen“ Seite zu positionieren, letztlich aber vor allem darum bemüht, die gesellschaftliche Relevanz des eigenen Egos zu postulieren. Das bedeutet schlicht: Man braucht Cash und verdient dieses schon dadurch, dass man auf der Welt ist. Diese Pirouette beinhaltet bei genauerer Betrachtung einen Abgrenzungsmechanismus derer, die im Kunst- und Kulturbetrieb eine Stimme und ein Auskommen haben gegenüber denen, die hineindrängen. Der geschickte Twist dabei ist die Behauptung des Gegenteils.

Der Bildungsanspruch der Kunsthalle am Hamburger Platz als Schnittstelle zwischen Hochschule und der (Groß-)Stadt als Biotop der (wovon auch immer?) „freien“ Künstler an die Studierenden, die Absolventen und auch die Profikollegen, mit denen wir es zu tun haben, geht davon aus, dass das gerade „Zeitgemäße“ nach aller Erfahrung morgen schon wieder von gestern ist – so wie der Marketing-Coup der Deutschen Bank, dessen Vorläufer in Gestalt der „Leistungsschau“ in Weißensee vor zwei Jahren neben sehr viel Zuspruch auch durchaus dünkelhaftes Naserümpfen hervorgerufen hat.

„Spinner“, Trendsetter oder Nachläufer – das entscheidet sich oft erst in der Rückschau.

— Else Gabriel, Prorektorin und Thaddäus Hüppi „weißensee kunsthochschule berlin“ und Leitung Kunsthalle am Hamburger Platz

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