Meinung : Kunststück der Warteschlange

Ein Selbstläufer: Die Lange Nacht der Museen feiert ihren zehnten Geburtstag

Christiane Peitz

Eine Geburtstagskerze mit Herz: Mehr braucht es nicht, um den Berlinern die Lange Nacht der Museen anzukündigen. Vor zehn Jahren begann es mit 6000 Besuchern, seitdem wurden 3,5 Millionen Nachtkunstschwärmer gezählt. Und längst kommt das Publikum wie von selbst, zweimal im Jahr. Ein Erfolgsmodell, das heute über hundert Städte kopieren.

Öffnungszeiten zwischen 18 und 2 Uhr: Einst war das eine verrückte Idee, heute ist es ein Selbstläufer – auch wenn die Organisatoren im Januar erstmals auf die Nacht verzichtet haben, um nun gut vorbereitet in die Jubiläumsrunde zu starten. Verstummt sind die Unkenrufe früherer Kritiker, die hehre Kunst könne sich doch nicht so gemein machen. In Zeiten der großen Koalitionen für die Förderung der kulturellen Bildung auch aus Motiven der sozialen Befriedung ist Eventkultur- Bashing ein Anachronismus geworden. Zumal in einer Stadt, deren Regierender Bürgermeister Kunst und Kultur zur Chefsache erklärt hat. Wer sagt denn, dass der Rummel mit Bus-Shuttle und Großgruppen-Feeling das Ereignis der Kunst ausschließt: jene stille Sensation, die ein Betrachter in einsamer Zwiesprache mit einem Gemälde empfinden mag – möge noch so viel Laufkundschaft ihn gerade umbranden.

Tango im Martin-Gropius-Bau. Cocktails im Deutschen Historischen Museum. Das Kunststück der Warteschlange. Braucht Berlins Museumslandschaft noch solche Werbegags? Nein. Und ja. Nein, denn Berlin hat genügend Kunstorte, die Zahl ihrer Besucher ist seit Beginn des Jahrhunderts stetig gestiegen, auf zuletzt knapp 11,5 Millionen im Jahr 2005. Längst, siehe MoMA und die schönsten Franzosen, strömen die Scharen auch bei Tageslicht herbei, nicht nur in Berlin: Die sommerlichen Großereignisse der Documenta oder der Biennale Venedig locken ein Millionenpublikum an.

Und ja, die Häuser brauchen dennoch Lange Nächte. Denn die Statistik täuscht. Wer ohnehin ins Museum geht, kommt öfter als früher, daher die gestiegenen Zahlen. Derweil scheuen die Kunstabstinenzler die Museen weiterhin, es sei denn, es lockt der Stimmungs- und Spaßfaktor der nächtlichen Busfahrt. Die Museumsmacher hoffen auf bleibendes Interesse am anderen Morgen, bei eben jener Klientel, um die sie ansonsten vergeblich werben. Museum für alle oder: Die Lange Nacht der Mischung – hier sind sie alle, Charlottenburg und Neukölln, das Kulturbürgertum, die Jugend, die ganze Familie.

Berlins Kunstszene ist unglaublich vital, gerade entsteht in Kreuzberg ein neues Galerienquartier. Und ja, Berlin braucht auch noch eine Kunsthalle – und ein Publikum für Gegenwartskunst, das nicht nur aus Spezialisten besteht. Warum nicht einmal die Lange Nacht mit dem Gallery Weekend kurzschließen und geführte Galerietouren anbieten? Die Künstler selbst könnten ihre Werke erläutern. Das Bild vom nächtlichen Flaneur, das Kirchner in seinen berühmten „Straßenszenen“ beschwor, es wäre aktueller denn je.

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