Kurden-Konflikt : Anschwellender Kriegsgesang

Nach den PKK-Anschlägen können nur die USA einen Irakfeldzug der Türkei verhindern. Aber mit Worten allein lassen sich die Türken nicht mehr beruhigen

Thomas Seibert

Die jüngsten PKK-Angriffe in der Türkei und die Drohung Ankaras mit einem Einmarsch nach Nordirak haben offenbar ein Umdenken bei dem einzigen Akteur bewirkt, der eine Eskalation verhindern kann: den USA. Nachdem Washington über Jahre die türkischen Forderungen nach einem Vorgehen gegen die PKK im Nordirak ignoriert hat, prüft das Weiße Haus nun die Möglichkeit eines Eingreifens. Vor wenigen Wochen hätten solche Überlegungen wohl ausgereicht, um die Falken in der Türkei ruhig zu stellen. Aber jetzt muss mehr geschehen, um die Türken von einer Invasion abzubringen.

Immerhin scheinen die USA endlich begriffen zu haben, was im Norden Iraks auf dem Spiel steht. Es geht nicht nur darum, dass die Türkei von Rebellen angegriffen wird, die im Nordirak einen sicheren Unterschlupf gefunden haben. Und es geht nicht nur um die Verantwortung der Amerikaner für ein Land, in dem sie vor vier Jahren im Namen von Freiheit und Demokratie das Ruder übernahmen. Sondern es geht vor allem um die Gefahr eines neuen Krieges, der die ganze Region bedroht.

Es würde nicht bei Gefechten mit der PKK bleiben

Wenn die Türkei mit tausenden Soldaten in den Nordirak einmarschieren sollte, würde es nicht bei Gefechten zwischen Türken und der PKK bleiben. Die nordirakischen Kurden haben zwar wenig Sympathie für die PKK, wehren sich aber gegen eine türkische Invasion, weil sie die Türkei im Verdacht haben, gegen die kurdische Autonomie im Nordirak vorgehen zu wollen. Kämpfe zwischen türkischen Soldaten und nordirakischen Kurden wären deshalb wohl unausweichlich. Möglicherweise würde sogar der Iran in die Auseinandersetzungen hineingezogen.

Lange haben amerikanische Politiker und Militärs die Augen vor solchen Szenarien verschlossen. Sie waren erleichtert, dass zumindest eine Region im Irak einigermaßen befriedet war. Einer der Nutznießer dieser Lage war die PKK. Doch die Beschwerden der Türken über die ständigen PKK-Infiltrationen aus dem Irak wurden von Washington überhört. Erst die jüngste Eskalation – der Tod vieler türkischer Soldaten bei PKK-Angriffen, der türkische Parlamentsbeschluss für eine Intervention im Irak und der Aufmarsch der türkischen Armee an der Grenze – ließ in Washington die Alarmglocken schrillen.

Worte allein helfen nicht mehr

Was wollen die PKK-Rebellen? Sie wollen eine türkische Intervention provozieren, um ihren Rückhalt bei den Kurden in der Türkei und im Irak zu stärken. Bisher schien diese Rechnung aufzugehen. Eine entrüstete türkische Öffentlichkeit fordert von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die sofortige Invasion. Die Amerikaner können froh sein, dass Erdogan bisher kühlen Kopf bewahrt hat und innenpolitisch fest im Sattel sitzt. Eine schwächere türkische Regierung hätte den Generälen und Nationalisten womöglich längst nachgegeben.

Jetzt also will sich die Bush-Regierung einschalten. Das ist gut, aber mit Worten allein lassen sich die Türken nicht mehr beruhigen. Nur konkrete Schritte können eine türkische Militäraktion im Irak noch verhindern: die Festnahme eines PKK-Kommandanten etwa oder US-Luftangriffe auf PKK-Lager im Irak. Dafür ist es reichlich spät, aber noch nicht zu spät.

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