Meinung : Kurzmeldungen

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Jetzt sind wir allein. Wir – das ist die mittlere Generation der rund 40–Jährigen, die heute die Transformation der Bundesrepublik vom Wirtschaftswunderland zum Normalfall einer offenen, problembewussten und verantwortungsbereiten Gesellschaft zu bewerkstelligen hat.

Nach dem doppelten Schlag des Todes, erst von Siegfried Unseld und dann von Rudolf Augstein, wird uns plötzlich klar, dass wir zu niemandem mehr aufblicken und uns hinter niemandem mehr verstecken können. Natürlich ist die „suhrkamp culture“ längst Geschichte geworden, natürlich funktioniert der „Spiegel“ seit geraumer Zeit ohne seinen Herausgeber, aber dass es diese beiden Gründergestalten nicht mehr gibt, heißt nur, dass es jetzt andere, dass wir das alleine hinkriegen müssen.

Die um 1960 Geborenen haben sich lange als Nach68er verstanden und ihre Energien mit der Kritik der Kritik ihrer Vorgängergeneration vergeudet. Man wollte Abstand gewinnen von denen, die im nachträglichen Ungehorsam stecken geblieben waren. Den Raum des eigenen Denkens definierte eine postmodernistische Nachträglichkeit, die die Unentscheidbarkeit der Interpretationen zum Prinzip erhob. Aber wie zu leben und was vorzugeben sei, wusste man nicht. Wer nur die Entlarvung entlarven will, kommt nie zu sich selbst, weil er immer an den anderen kleben bleibt. Dabei leuchtete uns niemand von denen wirklich ein: Weder die cordbehosten Studienreferendare aus der Schule der siebziger Jahre, die sich in der Kritik der Warenästhetik versuchten, noch die jusohaften Politenkel aus der Punkperiode der achtziger Jahre, die mit der „Lindenstraße“ an die Macht kommen wollten. Das einzige, was die Beschäftigung mit der Revolte vom Ende der sechziger Jahre rechtfertigte, war die Erinnerung an eine Leidenschaft, die in Terror geendet hatte.

Aber trotz der vergeblichen Toten der 68er-Generation wie Hans-Jürgen Krahl, Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof und Andreas Baader behielten die wirklichen Kriegsteilnehmer, immer die existenzielle Plausibilität. Man spürte, dass sie den Ernstfall erlebt hatten, was sie bereit machte, das Diktat des Augenblicks hinzunehmen. Als die einstigen Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit Helmut Schmidt an der Spitze im „deutschen Herbst“ von 1977 die innerstaatliche Kriegserklärung der RAF annahmen, änderte sich die Traumwelt der Bundesrepublik. Die leitenden Angestellten des Modells Deutschland waren zum Opfer für den Staat bereit, der den „Sturmgeschützen der Demokratie“ standgehalten hat. Wenn Helmut Schmidt davon sprach, dass er geweint habe, kam eine gestaute Geschichte zum Vorschein, die bis heute nur als Wunde gezeigt, aber nicht als Geschichte erzählt worden ist.

In der Generation von Rudolf Augstein, Siegfried Unseld, Josef Beuys, Reinhard Mohn und Helmut Schmidt stehen uns die Phänotypen der Nachkriegszeit vor Augen, die radikale Sachlichkeit mit einer ungeheuren Empfindsamkeit verbanden. Sie haben trotz west-alliierter Erziehung in Wahrheit eine „russische Seele“, die sie zu plötzlichen Erschütterungen konditioniert. Schuld brauchten sie sich nicht zu leihen, sie nahmen sie als historische Gegebenheit, auch wenn sie persönlich durch Zufall von Waffengattung, Kriegsschauplatz oder Charakter gar nicht schuldig geworden waren. An ihnen konnten wir Lernprozesse ohne tödlichen Ausgang studieren, die uns exemplifizierten, wie man als Deutscher nach 1945 seinen Weg finden konnte.

Darin unterscheiden sie sich von den Flakhelfer-Deutschen wie Hans Magnus Enzensberger, Hans-Dietrich Genscher, Niklas Luhmann oder Peter Bönisch, die die Bundesrepublik nur als historisches Abbruchunternehmen begreifen konnten, in dem die Unfähigkeit zu resignieren mit der Unfähigkeit zu trauern bezahlt werden musste. Während die Anfang der zwanziger Jahre geborenen jungen Soldaten des Zweiten Weltkriegs noch ein Gefühl für ihren enttäuschten Idealismus bewahrten, haben die Ende der zwanziger Jahre geborenen Flakhelfer von Anfang an einen Zustand jenseits von Enttäuschung und Nichtenttäuschung gesucht. Wo die einen noch an Deutschland leiden, hatten die anderen es längst abgeschafft.

Wenn wir jetzt lesen, dass Unseld mit rund 30 Jahren den Suhrkamp Verlag übernommen und Rudolf Augstein im zarten Alter von 23 den „Spiegel“ gegründet hat, wird uns ganz bange über uns selbst. Wir können uns damit rausreden, dass soviel Anfang wie in diesen frühen Jahren der Nachkriegszeit nie mehr war, aber günstige Gelegenheiten erklären noch nicht, was einzelne daraus gemacht haben. Unsere Zeit, das waren die achtziger Jahre, in denen viele von uns den ganzen Schutt der deutschen Geschichte liegen gelassen haben, um mit irgendwas anzufangen.

Wir mussten nicht gegen Adenauer kämpfen, sondern uns von Kohl und Scharping gleichzeitig abwenden. „Durch Pubertät zum Erfolg“ hieß die Devise, die Martin Kippenberger ausgegeben hatte. Davon hat einiges geklappt, vieles hat sich verlaufen und nur wenig entfaltete durchschlagende Kraft. Das „Wir“, in dem wir unseren Platz als einzelne finden, ist unklar geblieben. Von niemandem von uns wird man sagen können: „Er war unser Held“. Wir haben unsere Positionen, pflegen unsere Aversionen und probieren unsere Sachen. Aber schon wird über uns gesagt, dass wir zwar smart, energisch und selbstkritisch sein könnten, aber dass man jeden einzelnen von uns auch wegdenken kann. Das ist die Grund der Trauer, die uns heute befällt: Was Augstein, Unseld und die anderen uns voraushaben, ist ein Schicksal, das man nicht beiseite schieben kann.

Der Autor ist 1954 geboren und lehrt Soziologie in Kassel. Foto: Mike Wolff

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