Meinung : Kurzmeldungen

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Seit 20 Jahren gibt es Versuche zur Reformierung unseres Gesundheitswesens. Alle sind letztlich gescheitert, egal, unter welcher Regierung. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, dass Reformversuche ohne die Betroffenen – also die Patienten – geplant werden. Am aktuellsten zeigt dies wieder einmal die Rürupkommission, wo man vergeblich nach einem Vertreter der Patientenorganisationen sucht. Ein zweiter, entscheidender Grund ist die so starre Fixierung auf Kosten, dass die inhaltliche Auseinandersetzung eigentlich überhaupt nicht mehr stattfindet.

Es gibt aber gar keine Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Dies ist das zentrale Ergebnis eines Gutachtens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung, das im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie erarbeitet und im Dezember 2001 vorgestellt wurde. Mich wundert, dass dieses erstaunliche Fazit kaum eine Schlagzeile wert war: Die Ausgaben für das Gesundheitswesen sind seit 1975 mit etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes konstant geblieben, obwohl seit Jahren eine Reihe von versicherungsfremden Leistungen darin enthalten sind, wie etwa Mutterschaftsgeld, Krankengeld oder Sterbegeld. Die „Explosion" des Beitragssatzes in der gesetzlichen Krankenversicherung ergibt sich vielmehr aus den mangelnden Beiträgen, den Defiziten auf der Einnahmeseite.

Wenn aber die Einnahmen das Hauptproblem sind, beispielsweise aufgrund der entfallenen Beiträge von Arbeitslosen, liegt die Herausforderung darin, auch im Kontext der Gesundheitsreformdebatte innovative Konzepte zur Schaffung von Arbeitsplätzen zu entwickeln und zu realisieren – und die gibt es gerade in der Medizin, mit derzeit bereits etwa 4,2 Millionen Beschäftigten. Andererseits ist es nicht richtig, dass neue Medizintechnik prinzipiell zur Verteuerung von Behandlungen beiträgt – ein Vorurteil, das vom DIWGutachten gleichfalls widerlegt wird. Moderne Diagnose- und Therapieverfahren, die miniaturisiert, schonend und ambulant eingesetzt werden, können Schmerzen, Einsatz von Medikamenten, OP-Kosten und Liegezeiten in Krankenhäusern minimieren und so das System erheblich entlasten.

Gesundheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie ist Voraussetzung für Leistung und Prosperität und insofern ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Denn so wie Krankheit die Wirtschaft schwächt, bedeutet Gesundheit nicht nur eine Zunahme an Leistungsfähigkeit und Lebensqualität des Einzelnen, sondern eine Stärkung der Gesellschaft insgesamt. Gute Medizin macht Arbeitnehmer schneller gesund oder durch gute Präventionsmaßnahmen erst gar nicht krank, senkt die Lohnnebenkosten und stärkt damit die Wirtschaft.

Nur eine Zahl, die belegt, wie wichtig es ist, den Krankheitsstand in Betrieben zu senken: Nach Schätzung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin belief sich der Verlust an Arbeitsproduktivität aufgrund von Arbeitsunfähigkeit in Deutschland 2000 auf 117,41 Milliarden Mark – das waren 2,97 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Die höchste Arbeitsunfähigkeitsquote fällt auf Patienten mit Rückenerkrankungen, was 2000 einen Produktionsausfall von 19,66 Milliarden Mark ausmachte. Zusätzlich betrugen die Behandlungskosten in diesem Bereich 43,5 Milliarden. Um so bedauerlicher ist es, dass innovative Diagnose- und Therapieverfahren zur Erkennung von Bandscheibenvorfällen nach wie vor nicht eingesetzt werden, während das Röntgen als veraltetes Verfahren weiter praktiziert wird.

Die Stärkung des Standortes Deutschland durch eine konsequente Optimierung des Wohlbefindens der Arbeitnehmer ist auch unter dem Druck der zunehmenden globalen Konkurrenzsituation notwendig. Zudem könnten Hochleistungsmedizin und -technik als Standort- und Exportfaktoren eine erheblich größere Rolle spielen also bisher, insbesondere bei einem adäquaten Marketing: Gesundheit ist auch ein Wirtschaftsgut.

Entscheidend wird sein, dass wir das Gesundheitswesen als Teil der Gesundheitswirtschaft betrachten und deren gigantische Wachstumspotenziale nutzen. Fitness- und Wellnessbereich, Lebensmittelbranche, Textilindustrie, Medizintechnik, Pharmakologie, Forschung und Entwicklung: überall gibt es neue Arbeitsfelder, die mit dem Thema Gesundheit und Ökologie zu tun haben. Im Übrigen sollten wir uns einmal wieder bewusst machen: Medizin ist nicht dazu da, Kosten zu produzieren, sondern Lebensqualität zu schaffen oder zu verbessern.

Der Autor ist Professor für Radiologie und Mikrotherapie der Universität Witten/Herdecke und leitet das Grönemeyer-Institut für Mikrotherapie in Bochum. Foto: ZB

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