Meinung : Kurzmeldungen

-

Die Diskussion um die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme dreht sich derzeit nur um die Finanzierbarkeit von Rente, Krankenkosten, Arbeitslosengeld und Pflege. Sie übersieht dabei das Entscheidende, nämlich die gewonnene Flexibilität im Lebenslauf. Unsere sozialen Sicherungssysteme traten zu einer Zeit in Kraft, als dem verhältnismäßig kurzen Abschnitt „Kind" ein langes Erwerbsleben folgte. Den Übergang ins Rentenalter erlebte nur ein Teil der Bevölkerung; die durchschnittliche Lebensdauer betrug zum Beispiel um 1900 etwa fünfzig Jahre. In einer solchen Zeit machte es sowohl finanziell als auch biografisch Sinn, die Rentenkosten im Umlageverfahren und alle sozialen Sicherungssysteme über die Abgaben von Erwerbstätigen zu finanzieren.

Heute verläuft das Leben nicht mehr nach diesem Muster. Zwischen Kindheit und Erwachsenenalter hat sich eine lange Jugendphase geschoben, am Ende des Lebens steht ein zwanzigjähriger Seniorenabschnitt. Die Lebensphasen Kindheit und Jugend haben sich geradezu dramatisch gewandelt. Die zunehmende Alterung der Bevölkerung sorgt für eine immer kleinere Gruppe von Kindern, obendrein wird das Kindheitsalter als Lebensphase durch die frühere biologische Reife ständig verkürzt. Das Jugendalter hat es ebenfalls in sich. Es beginnt so früh wie nie – hat aber kein richtiges Ende mehr. Der traditionelle, bis etwa 1960 typische, Übergang vom Jugendalter in die Erwerbstätigkeit und in ein Familienleben mit eigenen Kindern kommt heute entweder sehr spät, manchmal erst im dritten Lebensjahrzehnt, oder gar nicht. Umgekehrt setzten viele Erwachsene auf kreatives Chaos, berufliche Veränderungen, Beweglichkeit und Jugendlichkeit. Die Art, wie Jugendliche ihr Leben führen, ist also zu einem Muster auch für die anschließenden Lebensphasen geworden.

Diesem Wandel muss die Gestaltung der sozialen Sicherungssysteme Rechnung tragen. In offenen Gesellschaften lässt sich der Lebenslauf nur in kreativer Eigenaktivität leben, nicht im „Umlageverfahren". In jedem Lebensabschnitt müssen deshalb die Spielräume für individuelle Gestaltung und Eigenverantwortung erweitert werden. Spätestens vom 14. Lebensjahr an sollte das soziale und ökonomische Engagement von jungen Menschen verbindlich eingefordert und öffentlich anerkannt werden. Die Schule muss zu einem kombinierten Bildungs und Arbeitsplatz für Schüler umgestaltet werden. Arbeiten sollten Jugendliche nicht neben der Schule in ihrer Freizeit, sondern in der Schule, verbunden mit Ausbildung und Training, in Projektarbeit und innerschulischen Firmen. Langzeitausbildungen gehören abgeschafft, länger als drei Jahre an einem Stück sollte sich kein Schüler und kein Student an seiner Ausbildungsstätte aufhalten, danach ist erst einmal eine berufliche Praxis fällig. So müssen auch Weiterbildungen organisiert sein. Die Selbstständigkeit junger Menschen sollte finanziell unterstützt werden. Vom 14. oder 16. Lebensjahr an könnte das heutige „Kindergeld" in ein Ausbildungs- bzw. Schulgeld umgewandelt werden, um so zur Eigenverantwortung zu erziehen.

Auch der Austritt aus dem Erwerbsleben muss flexibeler werden. Die finanzielle Grundsicherung könnte weiter im Umlageverfahren der Rentenversicherung erfolgen, aber für alle Mittel über dem Existenzminimum sollten die Menschen im Alter selbst aufkommen, durch eigene Arbeit, durch Vorsorge oder ihr Vermögen. Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird ja auch zugemutet, für alles, was über dem durch die Familie gesicherten Existenzminimum liegt, selbst aufzukommen. In jedem Lebensabschnitt und in allen sozialen Sicherungssystemen sollte Eigenverantwortung und Beweglichkeit gefördert werden. Von Jugendlichen lässt sich lernen, wie das zu schaffen ist.

Der Autor ist Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Er war wissenschaftlicher Leiter der jüngsten Shell-Jugendstudie. Foto: privat

POSITIONEN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben