Meinung : Kurzmeldungen

-

Vor mehr als zehn Jahren haben sich polnische und deutsche Historiker gemeinsam an die Aufarbeitung des – im kommunistischen Polen bis 1989 tabuisierten – Themas der Vertreibung der Deutschen aus Polen gemacht. Auch in Tschechien sind, entgegen der landläufigen Meinung, wichtige Arbeiten zu diesem Fragenkomplex erschienen. Die Historiker ließen sich nicht zuletzt von der Hoffnung verleiten, dass ihre Arbeit einer Entkrampfung der Geschichtsbilder in allen drei Ländern dienen wird. Sie haben sich getäuscht.

Die Debatte um ein Zentrum gegen Vertreibungen, die vom Bund der Vertriebenen (BdV) ausgelöst wurde, entwickelte sich zu einem Dauerbrenner in den deutschpolnischen und deutsch-tschechischen Beziehungen. In dieser Debatte sind bereits alle Argumente genannt worden; versuchen wir sie kurz zusammenzufassen: Vertreter des BdV argumentieren, dass die Deutschen das Recht hätten, trotz Nationalsozialismus ihrer eigenen tragischen Vergangenheit zu gedenken – ein Recht, dass ihnen tatsächlich schwerlich abgestritten werden kann. Viele Deutsche und Polen, auch Vertreter anderer Nationen, verweisen hingegen darauf, dass ein Berliner Zentrum gegen Vertreibungen einen fatalen Eindruck auf die Nachbarn Deutschlands machen wird. Nach der Holocaust-Gedenkstätte wäre es der zweite Bezugspunkt einer nationalen Erinnerungspolitik, ein Standort, wo Nicht-Deutsche vorwiegend als Täter porträtiert werden. Warum diese keineswegs zufällige Verkürzung – das Gedächtnis der Vertriebenenorganisationen fängt bekanntlich erst mit dem 8. Mai 1945 an – aus polnischer Sicht unannehmbar ist, braucht man wohl nicht zu erklären. Der Vorschlag von Wladyslaw Bartoszewski, sozusagen im Gegenzug, ein Museum der deutsch-polnischen Beziehungen zu errichten, das die Ereignisse von der ersten Teilung Polens bis zum 8. Mai 1945 darstellt, wäre eine geschichtspolitisch komplementäre, in der Sache allerdings ebenso schwer vertretbare Antwort. Kurzum, wir hätten dann den Zustand erreicht, wo jeder sich mit den eigenen Opfern beschäftigt und den Nachbarn diese (wie gesagt, innergesellschaftlich durchaus legitimierbare) Geschichtspolitik nichts angeht. Brauchen wir das wirklich? Wir brauchen es erstens nicht, weil wir weit mehr wissen, als die Opfer niedergeschrieben haben. Wir kennen die zeitliche Abfolge und die kausalen Zusammenhänge, wir wissen, dass die Opferperspektive aus gleichsam natürlichen Gründen Begebenheiten und Ereignisse verdrängt, die in die eigene Erzählung von eigenem Leid nicht hineinpassen.

Wir brauchen es zweitens nicht, weil wir gerade in den letzten Jahren aus der nationalen Erzählerperspektive herauszuwachsen beginnen und ein europäisches Panorama darstellen können. Eine internationale Expertenkommission, die sich eines solchen Themas annimmt, wird auf unendliche Schwierigkeiten stoßen, zweifellos. Und es mag auch zutreffen, dass wir insgesamt noch nicht so weit sind, nationale Traumata zu „europäisieren“. Nur: Wäre man im Europa nach 1945 grundsätzlich den einfacheren, nationalen Weg gegangen, hätte man die Unbequemlichkeit und Umständlichkeit übernationaler Entscheidungsmechanismen nicht auf sich genommen – wo stünden wir alle heute?

Es geht dabei nicht um Rechthaberei oder um Aufrechnung. Es geht darum, ob eine relativ kleine, gut verwurzelte Lobby die Beziehungen zwischen der eigenen Gesellschaft und mehreren Nachbarn im Sinne ihrer spezifischen Interessen symbolisch prägen soll und ob der Staat sich daran beteiligt. Vor einigen Tagen erst haben wir ein solches Kräftemessen in Polen miterlebt: Es ging um die gemeinsame Erklärung des polnischen und ukrainischen Parlaments zum 60. Jahrestag der Massenmorde, die die ukrainische Nationalbewegung in Wolhynien 1943 begangen hat. Die polnische Rechte verlangte, dass der Begriff „Völkermord“ in die Erklärung aufgenommen wird. Sie wurde von der großen Mehrheit des Warschauer Parlaments überstimmt: Es genügt, wenn die heutige Ukraine offiziell ihr Bedauern äußert. Polen muss den Nachbarn nicht auf die Anklagebank neben Hitler und Stalin setzen, wo er, trotz aller in seinem Namen begangenen Verbrechen, letztlich auch nicht hingehört.

Und noch zwei Gesichtspunkte. Erstens haben viele der Unterzeichnern des Appells für ein solches Zentrum die deutsch-polnische Versöhnung und Verständigung vorangetrieben in Zeiten, die wesentlich schwieriger waren als die heutigen. Die Angst, zumindest mit einem Fuß in der Normalität angekommen zu sein und nun einen Rückschritt erleben zu müssen, ist verständlich, nur sollten wir das Augenmaß bewahren: Egal ob das Zentrum deutschzentriert oder europäisch angelegt sein wird, geht die Geschichte unserer Nachbarschaften weiter. Zweitens handelt es sich hier nicht zuletzt um die Verwendung deutscher Steuer- und sonstiger Gelder. Nachbarn dürfen ihre Meinung sagen, tun sie auch manchmal. Wie sich der Nachbar seine Gedenkstube einrichtet, bleibt aber letztendlich eine Frage seines Verstandes und seines Geschmacks.

Wlodzimierz Borodziej, 1956 in Wien geboren, ist Professor für Neuere Geschichte an der Warschauer Universität.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben