Meinung : Kurzmeldungen

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In den letzten Jahren hat es viele Neuanfänge gegeben. Der 9. November 1989. „Y2K“, die Jahrtausendwende. Für mein Land markiert der 11. September 2001 den Beginn eines neuen Zeitabschnitts. Die Auswirkungen dieser Ereignisse auf uns sind jedoch unterschiedlich. Nur so sind die Divergenzen zu verstehen, die die transatlantische Zusammenarbeit so schwer belasten.

Europa versucht der Einheit näher zu kommen. Aber welches Europa? Die neuen Mitglieder stellen andere Fragen als die Westeuropäer. Der Euro wird als Garant gegen Krieg in Europa gepriesen. Amerikaner können nur staunen, wenn sie solche Argumente hören. Für sie ist Krieg etwas viel Aktuelleres.

Das sind Zeichen, dass wir in einer klassischen Übergangszeit leben. Wir alle haben die Umstellung auf die neue Zeit noch nicht vollzogen. Dabei gibt es keine anderen zwei Länder, die für diese neue Phase wichtiger sind als Deutschland und die USA. Von uns hängt es ab, ob der Westen entschlossen an die Arbeit geht. Niemand ist von den Veränderungen direkter und nachhaltiger betroffen.

Unser Selbstverständnis war durch die Nachkriegswelt definiert. Unsere Länder bildeten die zwei Säulen einer neuen westlichen Welt, geprägt durch das Engagement der Schutzmacht Amerika und die demokratische Legitimation des besiegten Deutschlands. Das alte konfliktbezogene Staatensystem Europas wurde durch demokratischen Konsens ersetzt. Die Bedeutung dieser Wertegemeinschaft wird leider oft missverstanden. Einmalig ist die Form demokratischer Machtlegitimation. Sie sichert Frieden und Wohlstand zu Hause und ermöglicht das Engagement des Westens für eine bessere Welt.

Die atlantische Partnerschaft verbindet die mächtigsten und einflussreichsten Gesellschaften der Geschichte. Zum ersten Mal ist ein solches Machtgefüge ausschließlich demokratischen Zielen verpflichtet. Dieses Bündnis kann nicht bestehen, wenn man es auseinander dividiert. Es muss immer enger zusammenwachsen: in einer atlantischen Doppelhelix.

Man darf aber auch nicht verschweigen, dass es in erster Linie um die Ausübung von Macht geht. Besonders in Deutschland wird Macht als ein überholtes und fragwürdiges Konzept gesehen. In Europa wird die Machtfrage nur noch selten diskutiert, nicht weil sie nicht relevant ist, sondern weil sie durch die atlantische Doppelhelix praktisch gelöst worden ist. Träume von Multipolarität oder von amerikanischen Alleingängen basieren dagegen auf dem Konzept nationaler oder regionaler Konkurrenz.

Der Wandel kann uns auseinander dividieren. Oder Grundlage des Erfolgs sein, wenn wir Ängste und Unsicherheiten gemeinsam meistern – und unser gewaltiges Potenzial nicht in Konkurrenz verzetteln. Dafür müssen die Europäer die Bedeutung der amerikanischen Rolle neu bedenken. Und die Amerikaner in Europa mehr sehen als nur eine Formel in ihren globalen Machtkalkulationen.

Neu ist für beide Seiten: Die atlantische Welt wird auf absehbare Zeit von der einseitigen Stärke Amerikas abhängen. Wie zuvor mehr als 400 Jahre lang Europa das atlantische Geschehen bestimmt hatte. Das Ende des Kalten Kriegs hat nicht zu einer europäischen Restauration geführt. Diese Hoffnungen sind spätestens in Bosnien untergegangen. Der Historiker Arnulf Baring formuliert treffend: „Natürlich ist eine Weltmacht oft ein unangenehmer Partner für die kleineren Länder … (aber) man kann gar nicht oft genug wiederholen, dass es ohne – oder gar gegen – die USA heute und in absehbarer Zukunft keine Weltordnung geben kann.“

Für Amerikaner ist es wichtig zu erkennen, dass wir uns in einer langen Phase europäischer Identitätsfindung befinden. Sie unterscheidet sich nur wenig vom komplizierten Isolationismus der USA im 19. Jahrhundert. Man kann diese Phase nicht begreifen, wenn man seine Politik an strategischen Konzepten der Vergangenheit ausrichtet, wie es leider in den USA vorkommt. Europa ist nicht weniger wichtig, nur weil es seine schwierige Vielfalt in eine echte demokratische Gemeinschaft umwandelt. Im Gegenteil, die Manifestierung eines demokratischen Konsens in ganz Europa wird die Doppelhelix stärken.

Nur Deutschland besitzt den Einfluss und die Glaubwürdigkeit, um beides zu sein: europäisch und atlantisch zugleich. Die doppelte Zentralität Deutschlands ist eine Herausforderung für Amerika und Deutschland. Die wichtigste Macht des Westens und der Mittelpunkt der europäischen Entwicklung bilden den Kern der neuen Zeitrechnung. Beide müssen klar und schonungslos ihre Rollen durchdenken. Der 11. September 2001 hat gezeigt, wie verschieden Völker auf ein und dasselbe Ereignis reagieren. Weder Deutsche noch Amerikaner waren auf diese Unterschiede vorbereitet. Verletzte Gefühle, gegenseitige Beschuldigungen und politische Entfremdung waren die Folge. Beide beharrten auf ihren nationalen Bedürfnissen, statt ihre Hauptaufgabe in gemeinsamem „problem solving“ zu sehen.

Was ist zu tun? Erstens: eine gemeinsame Agenda formulieren. Nur praktische Zusammenarbeit bringt uns weiter. Zweitens: handeln auf gleicher Augenhöhe. Das psychologische Gefälle wird größer, das Vertrauen in europäische Ideen und Lösungen kleiner. Drittens: Regierungspolitik mit privaten Gruppen enger verbinden. Es gibt zu viele Aufgaben, sie können nicht nur von Regierungen behandelt werden. Die Europäer schöpfen zwei Instrumente nicht aus: den Transatlantic business dialogue und The new transatlantic agenda. Dasselbe könnte man vom Nato-Rat sagen, wo die USA vertraglich verpflichtet sind, ihre Alliierten zu konsultieren.

Die Zeit ist reif für eine große atlantische Initiative im Sinne der Entspannungspolitik der 70er Jahre. Diesmal nichtmilitärisch. Europas Einfluss in Wirtschaft, Handel und Technologie ist dem der USA gleichzusetzen.

Nach der Irak-Debatte ist das Selbstbewusstsein der transatlantischen Gemeinschaft auf einem Tiefpunkt. Wie 1968, nach dem Bau der Mauer und dem sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei. Nur drei Jahre nach jenem Tiefpunkt befanden wir uns in der Hochphase der Entspannungspolitik – die zur Wiedervereinigung Europas führte. Deutschland und die USA hatten eine gemeinsame Strategie. Auch heute brauchen wir mehr kleine als große Schritte.

Der Autor war von 1997 bis 2000 US-Botschafter in Deutschland. Er vertritt die Investbank Lazard in Berlin. Foto: dpa

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