Meinung : Kyoto ist nur ein Anfang

Wissenschaftler sind sich weitgehend einig über die Folgen der Klimaerwärmung – jetzt muss die Politik handeln

Tony Blair

Während des Queen-Besuchs in Deutschland findet in Berlin eine deutsch-britische Umweltkonferenz statt, zu der Premierminister Tony Blair zugeschaltet wird. Seine Kerngedanken zur Umweltpolitik hat er kürzlich in einer Rede skizziert, die wir in Auszügen drucken:

Seit der Industriellen Revolution vor mehr als 200 Jahren haben die heutigen Industrienationen immer mehr Wohlstand und einen immer höheren Lebensstandard erzielt. Aber mit der Zeit zeigen unsere Aktivitäten auch Auswirkungen auf Atmosphäre, Ozeane, Geologie, Chemie und Artenvielfalt. Inzwischen ist eines klar geworden: Die Treibhausgasemissionen, die mit der Industrialisierung, dem starken Wirtschaftswachstum und einer Weltbevölkerung zusammenhängen, die in 200 Jahren um das Sechsfache zugenommen hat, führen zu einer globalen Erwärmung, die inzwischen ein Besorgnis erregendes Maß erreicht hat und langfristig einfach nicht tragbar ist.

Bei „langfristig“ denke ich nicht etwa an künftige Jahrhunderte. Ich denke an einen Zeitraum, der mit Sicherheit noch innerhalb der Lebenszeit meiner Kinder, vielleicht sogar meiner eigenen liegt. Und mit „nicht tragbar“ meine ich nicht etwa ein Phänomen, das Anpassungsschwierigkeiten verursacht. Ich meine eine Herausforderung von so weitreichenden Folgen und von so irreversibler Zerstörungskraft, dass sie die menschliche Existenz radikal verändern wird.

Das Problem liegt darin, dass die Herausforderung durch zwei Faktoren politisch noch komplizierter wird. Erstens werden ihre Auswirkungen voraussichtlich erst dann voll spürbar, wenn die Zeit für politische Entscheidungen bereits abgelaufen ist. Anders ausgedrückt, das Timing der Umweltfolgen und der politische Wahlkalender sind nicht synchronisiert. Und zweitens kann keine Nation mit dieser Herausforderung allein fertig werden. Aber es besteht kein Zweifel, dass es Zeit ist, zu handeln. Jetzt kann das Desaster durch zügiges Handeln noch abgewendet werden, ohne unsere Lebensweise empfindlich zu stören.

Forschung und Technologie haben uns die Beweise und die Mittel an die Hand gegeben, um die Gefahren des Klimawandels messbar zu machen. Sie können uns aber auch dabei helfen, uns vor ihnen zu schützen. Das Potenzial für Innovationen, für wissenschaftliche Entdeckungen – und damit natürlich auch für Investitionen und Wachstum – ist enorm. Wenn wir den Handlungsrahmen richtig abstecken, können die Bemühungen zur Bewältigung der Klimafolgen sogar eine neue, positive Wirtschaftskraft freisetzen, die uns voranbringt, neue Arbeitsplätze, Technologie-Ausgründungen und Geschäftsmöglichkeiten entstehen lässt und gleichzeitig die Welt, in der wir leben, schützt.

Abgesehen von einer Hand voll Skeptikern, die immer weniger werden, herrscht weltweit in der Wissenschaft annähernd Konsens über das Ausmaß des Problems. Und überall, von Arnold Schwarzeneggers Kalifornien bis hin zur chinesischen Provinz Ningxia, nimmt man das Problem inzwischen wahr. Ein paar Fakten:

– Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Klimaaufzeichnungen fielen alle in den Zeitraum von 1990 bis jetzt. In den letzten hundert Jahren ist die Weltmitteltemperatur um 0,6 Grad Celsius gestiegen, das ist der drastischste Temperaturanstieg in der nördlichen Hemisphäre seit über 1000 Jahren.

– Extreme Wetterereignisse nehmen zu. Die Gletscher schmelzen ab. Packeis- und Schneeflächen gehen zurück. Tiere und Pflanzen stellen sich auf einen früheren Frühjahrsbeginn ein. Der Meeresspiegel steigt, Vorhersagen zufolge wird er bis zum Jahr 2100 um weitere 88 Zentimeter steigen, wodurch weltweit 100 Millionen Menschen in tiefer gelegenen Gebieten bedroht sind.

– Die Zahl der weltweit von Hochwasserereignissen betroffenen Menschen ist von 7 Millionen in den 60er Jahren auf mittlerweile 150 Millionen gestiegen.

– In Europa allein haben die schweren Überflutungen des Jahres 2002 Schäden von rund 16 Milliarden US-Dollar verursacht.

Die Umweltveränderungen und die schweren Unwetter wirken sich schon jetzt weltweit auf die Versicherungsbranche aus. Swiss Re, der zweitgrößte Versicherungskonzern der Welt, schätzt, dass sich die wirtschaftlichen Kosten der globalen Erwärmung im Laufe der nächsten zehn Jahre auf 150 Milliarden Dollar jährlich verdoppeln könnten und die Versicherungsunternehmen mit Schadensansprüchen in Höhe von 30-40 Milliarden Dollar rechnen müssen.

Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts könnten die Temperaturen so weit ansteigen, dass es möglicherweise zu einem irreversiblen Abschmelzen der Eiskappe Grönlands kommt, wodurch der Meeresspiegel letztendlich um rund 7 Meter ansteigen würde.

Den bisher geltenden Berechnungen zufolge war einmal etwa alle 800 Jahre mit einem so heißen Sommer zu rechnen wie 2003. Die jüngsten Computer-Klimamodelle lassen jetzt darauf schließen, dass es durch den Klimawandel ab etwa 2040 voraussichtlich mindestens jedes zweite Jahr noch heißer wird.

Um wirklich voranzukommen auf dem Weg hin zu einem vernünftigeren Lebensstil müssen wir zunächst einmal klare und konsequente politische Leitlinien erstellen, die sowohl von der Regierung als auch von anderen gesellschaftlichen Kräften getragen werden. Wir müssen den Leuten sagen, was jeder selbst tun kann, damit sich wirklich etwas verändert.

Wir müssen in großem Maßstab in vorhandene neue Technologien investieren und Innovationen bei neuen kohlenstoffarmen Technologien stimulieren. Es gibt massive Spielräume für Verbesserungen bei der Energieeffizienz und für eine stärkere Nutzung bereits verfügbarer kohlenstoffarmer Technologien wie zum Beispiel der Photovoltaik, Brennstoffzellen und Kohlenstoffsequestration. Wir müssen jetzt einen internationalen Konsens darüber herbeiführen, wie wir die Einführung dieser Technologien beschleunigen können.

Wir glauben, dass der kostengünstigste Weg zur Reduzierung der Emissionen darin liegt, Handel mit ihnen zu treiben. Das Emissionshandelssystem ist sehr wichtig für unsere und auch für die europäischen Reduktionsziele. Die Einrichtung eines Kohlenstoffmarktes im wichtigsten Wirtschaftsraum der Welt im kommenden Jahr wird einen riesigen Schritt voran bedeuten, und tausende von Unternehmen werden ihren Umgang mit Energie neu überdenken.

In der ganzen Welt wird mit einem rapiden Anstieg des Verkehrsaufkommens gerechnet, der auch den Luftverkehr einschließt. Das bedeutet, dass wir weitaus sauberere und effektivere Flugzeuge und Autos entwickeln müssen. Es wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung, wenn der Luftverkehr in der nächsten Phase in das Emissionshandelssystem der EU einbezogen würde. Von Europa ausgehend müssen wir dann dafür sorgen, dass auch weltweit Maßnahmen ergriffen werden. Dabei ist es wichtig, das Ausmaß der Folgen für die Entwicklungsländer deutlich zu machen. Es geht aber um noch viel mehr als die massiven Auswirkungen auf die Umwelt. Es bedarf keiner besonders ausgeprägten Phantasie, sich vorzustellen, welche Sicherheits-, Stabilitäts- und Gesundheitsprobleme in einer Welt entstehen werden, in der die Knappheit der Wasservorräte zu immer mehr Spannungen führt, in der es zu beträchtlichen Verlusten an fruchtbarem Land kommt und in der Überflutungen und andere Folgen des Klimawandels massive Flucht- und Wanderungsbewegungen der Bevölkerung auslösen.

Es sind die ärmsten Länder der Welt, die am stärksten unter schweren Unwettern, längeren und heißeren Dürreperioden und dem Anstieg der Ozeane leiden werden. Dabei haben aber gerade sie am allerwenigsten zu den Ursachen beigetragen. Deshalb stehen die reichsten Länder der Erde in der G8 in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen – die stärkeren Nationen müssen den schwächeren helfen. Allerdings müssen wir in unseren Anstrengungen zur Klimastabilisierung weitaus ehrgeiziger werden, als es die Ziele des Kyoto-Protokolls sind. Unlängst habe ich angekündigt, dass der Klimaschutz bei der G8 im kommenden Jahr für uns die oberste Priorität sein wird. Ich möchte hier drei zentrale Bestandteile meiner G8-Strategie hervorheben:

Erstens möchte ich Übereinstimmung herbeiführen, was die grundlegenden wissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel und zu der Bedrohung angeht, die er darstellt.

Zweitens, eine Einigung auf ein Verfahren zur Beschleunigung der wissenschaftlichen, technischen und anderweitigen Maßnahmen, die erforderlich sind, um der Bedrohung zu begegnen.

Drittens zwar verursachen die acht G8-Staaten zwar rund 50 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, aber es ist unerlässlich, dass wir auch andere Länder mit steigendem Energiebedarf einbeziehen, wie China und Indien.

Angesichts der unterschiedlichen Positionen der G8-Staaten in dieser Frage wäre eine Einigung ein riesiger Fortschritt, aber ich halte sie für machbar.Der britische Vorsitz in der G8 ist eine wunderbare Gelegenheit, um die internationale Meinungsbildung und das Verständnis ein großes Stück voranzubringen, bei den Unternehmen ebenso wie bei den Regierungen.

Wir haben eine Warnung erhalten. Bei den meisten Dingen erwarten wir von den Kindern, dass sie auf ihre Eltern hören. Beim Klimawandel aber sollten die Eltern auf ihre Kinder hören. Es ist jetzt an der Zeit, damit anzufangen.

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