Meinung : "La Belle"-Prozess: Gerücht in die richtige Richtung

Christoph von Marschall

Mühsam schleppt sich der Prozess um den Terroranschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" vor 15 Jahren dahin. Seit einer Ewigkeit versuchen Ermittler und Staatsanwälte zu beweisen, dass hinter dem Anschlag der libysche Diktator Gaddafi steckt. Unverhofft soll es nun ein Geständnis geben - sein Geständnis. Angeblich habe Gaddafi dem außenpolitischen Berater des Kanzlers, Michael Steiner, Libyens Beteiligung bestätigt. Worüber Steiner den USA bei Schröders Besuch in Washington berichtete.

Kann das stimmen? Steiner bestreitet den Vorgang. Warum sollte Gaddafi sich zur Schuld bekennen? Andererseits: Wer denkt sich so was aus? Und wozu? Wem dient die Bekanntmachung, eine offenkundige Indiskretion? Soll sie Libyens Versuche, die internationale Isolierung zu überwinden, torpedieren - weil sie noch einmal den Zorn über den libyschen Staatsterror entfacht? Oder soll sie Gaddafi ermuntern, die vom Gericht gesuchten mutmaßlichen Drahtzieher auszuliefern - so wie er es 1999 mit den angeklagten Hintermännern des Anschlags auf den PanAm-Jumbo über Lockerbie tat? Das könnte das Tor zu Libyens Reintegration öffnen. Denn das wäre ein Zeichen der Reue.

Zum Thema Hintergrund: Der Anschlag auf die Diskothek "La Belle"
Chronologie: Stationen der juristischen Aufarbeitung Gaddafi ein reumütiger Terrorist, der den Weg zurück in die Weltgemeinschaft sucht? Ja, darum bemüht er sich mit bemerkenswerter Ausdauer. Vor allem, wenn man in Erinnerung ruft, was für ein verbohrter Ideologe und unbarmherziger Anstifter zu Mord und Totschlag dieser Mann als Revolutionsführer in den 70er und 80er Jahren war. Er wurde mit dem "Schwarzen September" 1972 in München in Verbindung gebracht, den Entführungen bei der OPEC-Konferenz 1975 in Wien, dem Attentat auf Ägyptens Präsident Sadat.

Der US-Bombenangriff zur Vergeltung für "La Belle" 1986, bei dem seine Adoptivtochter Hana ums Leben kam, warf Gaddafi aus dem Gleichgewicht. Inzwischen hat er dem Terrorismus abgeschworen. Seine früher nur blutbefleckten Kontakte nach Jolo hat er kürzlich für die Freilassung der westlichen Geiseln genutzt und das Lösegeld gezahlt. Und im Tagesspiegel-Interview an Weihnachten seinen Sinneswandel begründet: Die Geschichte habe ihm eine Lektion erteilt, die Globalisierung zwinge ihn zur Öffnung seines Landes.

Das unterscheidet Libyen vom Iran. Teheran hat nach den "Mykonos"-Morden, auch das Staatsterrorismus, nicht Reue bewiesen, sondern versucht das Gerichtsverfahren durch Geiselnahme des deutschen Geschäftsmannes Hofer zu hintertreiben.

Doch zählt eine Reue nur aus Kalkül? Nun, es wäre nicht das Schlechteste, wenn einer, der als Wirrkopf galt, strategisch handelt und Interessen über die Ideologie stellt. Interessen hat auch Europa - an einer konstruktiven Rolle Gaddafis in Nordafrika und in Libyen selbst, einem potenziell reichen Erdölland, das nach dem Ende der Isolation große Investitionen plant: Airbus-Flugzeuge, Infrastruktur, Industrie. Die USA freilich haben daran kein Interesse. Auch das ein Grund für das offizielle Dementi?

Was auch immer an der "Geständnis"-Version wahr ist - sie zeigt, wie man mit einem reuigen Gaddafi umgehen könnte. Wenn er bereit ist, bei der "La-Belle"-Aufklärung zu helfen und die Angehörigen der Opfer großzügig zu entschädigen, wäre es an der Zeit, ihm die Umkehr abzunehmen und Libyen in die Staatengemeinschaft zu integrieren.

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