Meinung : Lachen und Zähneklappern

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Von Matthias Meisner

Nach seinem jüngsten Auftritt bei Sabine Christiansen hat Guido Westerwelle laut überlegt, was den Zuschauern von dieser Sendung wohl in Erinnerung bleiben werde. Eine rhetorische Frage. Längst war klar: keine der klugen Reden in dieser Talkshow nach der Sachsen-Anhalt-Wahl. Sondern die „18“, die er sich unter die Fußsohle geheftet hatte. Für den FDP-Chef ist es deshalb legitim, mit so einem Gag um Aufmerksamkeit zu buhlen. Es funktioniert doch.

Und was wird vom Grünen-Bundesparteitag am Wochenende in Erinnerung bleiben? „Grün wirkt“, das Parteitagsmotto, die neue Geschlossenheit der Grünen? Oder vielleicht die Serie von Beschimpfungen gegen die „Spaßpartei“ FDP? Sie zog sich durch alle Reden in Wiesbaden. Fritz Kuhn, der Parteivorsitzende, polemisierte, wer wisse schon, wo sich Westerwelle die „18“ noch überall hin tätowiert habe, bei Christiansen sei nicht alles zu sehen gewesen. Ko-Chefin Claudia Roth sprach über die „Zirkustruppe“ FDP, die das Kunststück perfektioniert habe, Luftballons laut steigen und leise platzen zu lassen. Umweltminister Jürgen Trittin stichelte, wie es denn komme, dass die in Sachsen-Anhalt erfolgreiche Spitzenkandidatin Cornelia Pieper sich um ein Ministeramt in Magdeburg drücke und lieber Generalsekretärin in Berlin bleiben wolle – bequem auf dem Beifahrersitz von Westerwelles „Gagamobil“. Da hatten die Delegierten ihren Spaß und ersparten sich die bittere Frage, warum die FDP in dem neuen Bundesland aus der außerparlamentarischen Opposition auf mehr als 13 Prozent der Stimmen schnellte, während die Grünen auf zwei Prozent absackten. Noch vor kurzem hatten die Grünen proklamiert, sie wollten sich fest als dritte Kraft im Parteiensystem etablieren.

Den können derzeit eher die Liberalen beanspruchen. Wie wollen die Grünen im Zweikampf der Kleinen bestehen? Schnittmengen zwischen den Anhängern der Grünen und der FDP gibt es nach Einschätzung von Wahlforschern praktisch nicht, allein beim Werben um die Jungwähler stehen beide Parteien in heftiger Konkurrenz. Und doch scheint den Grünen die Polarisierung wichtig, auch, um die eigenen Stammwähler zu mobilisieren, denen kaum ein Politiker so ungeheuer wie Westerwelle ist.

Der Schreck über die Erfolge der FDP ist der Ökopartei´ in die Glieder gefahren. Hilflos muss sie mit ansehen, wie die Freidemokraten mit Mitteln punkten, auf die die Grünen ein Copyright zu haben glaubten. Sie waren 1983 mit Sonnenblumen in den Bundestag eingezogen. Heute macht ihnen die FDP das „Spontitum“ streitig. Westerwelle hat auch nicht vergessen, wie die Grünen die Liberalen vorführten, als die noch Kohls Mehrheitsbeschaffer waren. Eins zu eins gibt er jetzt zurück und erklärt die Grünen zur Umfallerpartei, die ihre Ideale verraten habe.

Ein Wettstreit um mehr Flapsigkeit? Auf seiner Schuhsohle werde stets nur die „45“, seine Schuhgröße, zu lesen sein, versicherte Trittin. Joschka Fischer hofft, der politische Ernst werde am Ende über den Fun-Faktor triumphieren. Wer hätte vor Wochen mit dem Anschlag in Djerba, dem Wahlerfolg Le Pens, dem Amoklauf in Erfurt gerechnet? Schließlich will Westerwelle nicht Kanzler werden, spielt nur mit dieser Kandidatur – er will Außenminister sein - und in dem Wettbewerb sieht Fischer sich als Sieger.

Am Ende versuchten es die Grünen selbst mit einer Inszenierung: Der Kabarettist Jess Jochimsen schlüpfte in die Rolle eines Jungwählers, dem die FDP dynamisch und cool erscheint. Mit schwulen Zahnärzten allein seien deren Erfolge nicht zu erklären, meinte er – und hatte die Lacher auf seiner Seite. Vorerst. Ob die Grünen das auch nach dem 22. September witzig finden?

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