Lagerfeld bei Beckmann : "Wieso aussteigen? Ich habe ja alles getan, um einzusteigen."

Genie und Wahnsinn, so der Volksmund, liegen oft nah beieinander. Den Beweis trat gestern Abend Karl Lagerfeld in der Talkshow "Beckmann" an.

Simone Bartsch
Lagerfeld
Liebenswürdig und exzentrisch: Modezar Karl Lagerfeld. - Foto:dpa

BerlinGestern Abend, um 22.45 Uhr, gab sich "Karl der Große" die Ehre: Er war Gast in Reinhold Beckmanns Talksendung. Und schnell wurde klar: Man möchte nicht mit Beckmann den Moderatorensessel tauschen. Unkonventionell und unberechenbar zeigte sich der skurrile Modezar, keine Antwort war, wie man sie normalerweise von einem prominenten Talkgast hätte erwarten können. Ein Beispiel: Beckmann leitete seine Frage ein: "Lassen Sie uns einmal zurück gehen in die Vergangenheit…". Lagerfeld: "Mich interessiert die Vergangenheit nicht. Aber bitte, wenn Sie daran Spaß haben." Was macht man nun als Moderator? Als Beckmann macht man es zumindest wie immer: Mit einem Lachen über die Aussage des Gastes hinweggehen und trotzdem weiterfragen.

Karl Lagerfeld, ohne Fächer, aber mit obligatorischer Sonnenbrille, nutzte die Sendung als Bühne für sein Leben, seine Geschichten und seine Person. Er plauderte aus dem Nähkästchen und nahm kein Blatt vor den Mund. "Ich gehe nur zu reichen Leuten nach Hause", erklärte der Designer. "Warum?", hakte Beckmann investigativ nach. "Weil die Leute denken, dass ich ganz genau hinsehe, was sie für Stühle haben oder wie sie leben. Zumindest bilde ich mir ein, dass sie das von mir denken. Dabei gucke ich nicht mal, was sie für Klamotten tragen", sinnierte Lagerfeld. Klingt logisch. Irgendwie. Grundsätzlich gucke er sich aber natürlich schon die Menschen und ihre Moden an. "Diese Post-68er", beklagte sich Lagerfeld etwa, das seien alles "Schlampen gewesen mit zerknitterten Hälsen und schlechten Hemden." Heute würden sich die Leute aber immerhin ein bisschen besser anziehen. Nicht viel besser, aber ein kleines bisschen. Und wo Lagerfeld schon dabei war, ein offenes Wort über alte Zeiten zu verlieren, nahm er sich noch gleich eine Heilige der deutschen Hollywood-Kultstars vor: Marlene Dietrich. "Sie war okay, aber nicht mehr als okay", befand "Karl der Große".

"Ich behandele mich wie einen Luxusgegenstand"

Von Beckmann nach der modernen Zeit befragt, gab König Karl gerne Auskunft: Die neue Zeit sei doch recht interessant. Allerdings brauche er diesen ganzen Kram nicht. Er brauche kein Google. Er habe sein eigenes Google im Kopf. Und auch physisch ist Karl Lagerfeld noch fit. "Ich behandele mich wie einen Luxusgegenstand", erklärte er seine gute körperliche Verfassung. Sport mache er allerdings nicht. "Da bau ich sofort Muskeln auf." Das möge er nicht. Er sei lieber so wie er ist, nur Haut und Knochen. Vielleicht, so könnte man mutmaßen, komme Lagerfelds Fitness von einem wohlhabenden, urlaubsreichen Leben, wie es die Reichen und Schönen dieser Welt doch führen. Wann er sich denn mal Urlaub gönne, kommt tatsächlich Reinhold Beckmann einmal wieder zu Wort. "Urlaub? Wenn ich mal nicht auf die Uhr gucke, das ist Urlaub. Ich brauche keinen Urlaub", entrüstete sich der eigenwillige Gast. Ob er denn ans Aussteigen denke? "Wieso aussteigen? Ich habe ja alles getan, um einzusteigen." Stimmt. So kann man es natürlich auch sehen.

Mit unglaublicher Sprechgeschwindigkeit raste Lagerfeld, der ansonsten hauptsächlich französisch spricht, weiter durch die Sendung. Doch trotz des großen Tempos hinterließ das Ausnahmetalent einen bemerkenswerten Eindruck: Karl Lagerfeld zeigte sich exzentrisch, aber dennoch auf seine eigene Art und Weise liebenswürdig. Sein kurzweiliger Smalltalk gehört wohl zu den unterhaltsamsten Sendungen der vergangenen Beckmann-Wochen. Dennoch hat man auch nach 45 Minuten noch nicht das Gefühl, Lagerfeld nur annährend einschätzen zu können. Und genau das bezweckt er wohl auch. "Ich mag oberflächliche Gespräche. Das haben Sie vielleicht gerade gemerkt, Herr Beckmann."

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