Land der Fairness : Was wir von den Briten immer noch lernen können

Fairness ist typisch britisch, Gleichheit und Gerechtigkeit sind eher deutsche Ideale. Was können wir vom Ursprungsland des Sportsgeistes lernen? Ein Essay zum Start der Olympischen Spiele.

von und
Karikatur: Klaus Stuttmann

Wenn der Sportsgeist mächtig wäre, könnte es bei diesen Olympischen Spielen einige Überraschungen geben. Zweit-, Dritt- oder sogar Viertplatzierte zum Beispiel, die sich beim Schiedsrichter für dessen starke Leistung bedanken. Dopingkontrolleure, die einfach nach Hause gehen, weil sie sagen, sie werden hier nicht mehr gebraucht. Und vielleicht ließe sogar mal ein Läufer dem anderen vor der Ziellinie mit galanter Handbewegung den Vortritt: Du hast es mehr verdient als ich.

Olympia kehrt ins Land des Sportsgeists zurück. In England wurden nicht nur viele der Sportarten erfunden, in denen sich von Freitag an zweieinhalb Wochen lang in London die Welt misst. In England wurde auch der Geist geboren, der Sport zu mehr macht als zum Wettbewerb, wer als Erster im Ziel ist. Dieser Genius Loci soll nun die Olympischen Spiele in London beseelen.

Doch der Geist ist flüchtig, man muss ihn suchen und genau hinschauen, was überhaupt noch übrig ist von Sportsmanship und Fair Play. Der Sportsgeist wurde vor diesen Spielen sogar schon gegen den Erfolg ausgespielt. „Der britische Sinn für Fair Play kostet uns den Heimvorteil bei den Olympischen Spielen“, titelte die „Daily Mail“ und berief sich auf mehrere britische Sportverbände. Die hatten sich beschwert, dass sie nicht unbegrenzt in den olympischen Sportstätten trainieren durften. Die Australier hätten das vor den Spielen in Sydney 2000 doch auch getan, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Zu viel Fair Play erscheint wohl inzwischen selbst manchen Briten suspekt.

Der Letzte macht das Licht an
Die Wettbüros nahmen am Freitagnachmittag keine Einsätze mehr an. Doch es wurde bis zuletzt spekuliert, wer als Schlussläufer das olympische Feuer am Abend anzündet.Weitere Bilder anzeigen
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27.07.2012 12:51Die Wettbüros nahmen am Freitagnachmittag keine Einsätze mehr an. Doch es wurde bis zuletzt spekuliert, wer als Schlussläufer das...

Der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer sieht die Spiele in London auch in einer Falle, denn auf sie wirkt eben nicht nur der Sportsgeist: „England ist das Land der Londoner City. England zieht größte Verdienste daraus, dass sich Hedgefonds und Private-Equity-Firmen niedergelassen haben, die ihre Kunden über den Tisch ziehen, die Finanzmanipulation erfunden haben. Von diesem Höhepunkt des Spätkapitalismus sollte sich der Sport möglichst nicht anstecken lassen.“ Von der Ökonomie aber ist er schon lange infiziert. Olympische Spiele funktionieren nach dem Mechanismus des Marktes: Gewinn und Verlust. Doch umso spannender ist die Fahndung nach dem Verborgenen. Dem Geist des Sports. Und die Frage, welche Relevanz er eigentlich über das Stadion hinaus für die Gesellschaft besitzt.

Der Sport begann in England im 18. Jahrhundert weit oben, in den adligen, gebildeten, vermögenden Schichten. Sport war nicht nur Zeitvertreib, Körperbildung oder Wettkampf allein. Sportlich zu sein war eine noble Haltung. Sie schloss den Respekt vor sich selbst und dem Gegner ebenso ein wie das Streben nach Vielseitigkeit.

Auch der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, der Franzose Pierre de Coubertin, lernte von den Engländern. Coubertin war vor allem Pädagoge und bei der Entwicklung seiner Idee vom Treffen für die Jugend der Welt inspirierte ihn ein Aufenthalt in England. „Der Sport scheint doch unmissverständlich ein moralisches Ideal zu verkünden“, erklärte er, „es beruht auf der Härte gegen sich selbst und auf der Liebe zum anderen.“

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