Meinung : Landsknecht und Königin

Die große Koalition als Rüpelkomödie: Den Applaus bekommt Merkel, nicht Beck

Robert Birnbaum

Die große Koalition hat ein paar Krisen hinter sich und eine Menge Katzbalgereien, aber die laufende Vorführung ist von neuer Art: eine Rüpelkomödie – mit bitterernstem Hintergrund. Den ersten Akt hat die SPD bestritten. Der Parteichef Kurt Beck hat sich in ein Landsknechtswams geworfen und mit einen großen Säbel vor den eigenen Truppen in der Luft gefuchtelt und gerufen, wenn die vom anderen Feldlager nicht aufhörten, an der Erbschaftsteuer rumzuzerren, dann gäb’s aber Krieg! Beifall auf der linken Seite des Theaters.

Zweiter Akt: Auftritt CDU, der Fraktionschef und der Generalsekretär im Gewande von Ehrenmännern, die indigniert den Kopf darüber schütteln, dass der Beck bloß rumpöbele, um den starken Mann zu mimen, weil er’s in Wirklichkeit gar nicht sei. Applaus beim rechten Teil des Hauses. Dritter Akt: Der Regierungssprecher erinnert in amtlichem Tonfall daran, dass das Publikum von der Regierung konstruktive Arbeit zum Besten des Landes erwarte.

Damit könnte sich der Vorhang senken und das Stück der Vergessenheit anheimfallen, gäbe es nicht einen ernsten Hintergrund. Der ergibt sich aus einer Art großkoalitionärer Relativitätstheorie: Zwar leiden beide Volksparteien an ihrem Zwangsbündnis – die SPD aber derzeit relativ viel mehr. Das hat Gründe. Die stärksten heißen Angela Merkel und Kurt Beck. Die CDU/CSU hat derzeit keinen Grund zur Unzufriedenheit mit ihrer Kanzlerin. Merkel glänzt in der Welt. Sie muss nicht sagen, der Aufschwung sei ihr Aufschwung, der Glanz fällt sowieso auf sie. Sie erntet Umfragewerte, die nicht richtig toll sind, aber doch das Träumen wieder möglich machen von einer bürgerlichen Mehrheit.

Für Beck und die SPD stellt sich die Lage anders dar. Es ist nicht völlig falsch und deshalb umso bösartiger, wenn Unionspolitiker dem SPD-Chef bescheinigen, dass seine bisherigen Profilierungsversuche so zahlreich wie kurzlebig waren. Darauf, dass Beck bis zum Wahljahr 2009 zum ebenbürtigen Herausforderer wird, wettet auch in der SPD nicht mehr jeder.

Hinzu kommt, dass der Koalition kein halbes Jahr bleibt, bevor die Wahlkämpfe in Hessen und Niedersachsen anlaufen. Der SPD aber geht zusehends auf, dass Merkel und die Union ihr keinen größeren Erfolg mehr erlauben werden. Das erklärt nicht nur die gereizten Reaktionen auf Ursula von der Leyen, die der SPD das Familienthema weggenommen hat, sondern auch den sozialdemokratischen Zorn auf Minister wie Schäuble oder Glos, die sich von großen Koalitionären immer mehr in Unionspolitiker zurückverwandeln.

Vor dieser Kulisse wird das Theater verständlich. Richtig klug ist es nicht. Becks Säbel ist nämlich von Pappe. Deshalb schwingt er ihn ja auch nur gegen einen Popanz: Merkel hat längst zugesichert, dass die Erbschaftsteuer bleibt. Diesen Sieg kriegt der SPD- Chef gratis. Er zahlt dafür trotzdem, mit politischem Spielraum. Wer mit Krieg droht, muss ihn nämlich auch führen, wenn es richtig ernst wird. Und dann muss er ihn gewinnen können.

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