Meinung : Langeweile macht interessant

Die FDP will wieder mehr sein als bloß eine turboökonomische Guido-Roadshow

Robert Birnbaum

Parteitage haben oft ihre ganz eigene Weisheit, besonders solche bei der FDP. Denn die Freie Demokratische Partei hält auf die Freiheit des Einzelnen nicht nur theoretisch und in Festvorträgen große Stücke, sondern übt sie auch ganz gern einmal aus als kleine Freiheit des Delegierten zur Renitenz. Die Parteiführung, speziell Parteichef Guido Westerwelle hat das beim Kölner FDP-Parteitag zu spüren bekommen. Wenn man die Wahlergebnisse und Debattenbeiträge knapp zusammenfasst, lautet die Botschaft von Köln nach Berlin: Okay, ihr könnt weitermachen – aber es wäre ganz schön, wenn wir auch mal wieder was anderes zu sehen und zu hören bekämen als die Guido-Roadshow.

Denn was ist geschehen? Westerwelle hat bei der Wiederwahl ein höfliches Ergebnis bekommen. Gerade 80 Prozent sind keine Niederlage. Doch sie sind ein Wink. Der wäre wohl noch etwas deutlicher ausgefallen, fände dieser Parteitag nicht zweieinhalb Wochen vor der wichtigsten Landtagswahl des Jahres statt.

Auch so bleibt der Denkzettel gut sichtbar, erst recht wenn man Westerwelles Resonanz in Beziehung setzt zu anderen. Außerordentlich gut abgeschnitten haben nämlich zwei Newcomer: Philipp Rößler, der junge Fraktionschef aus Niedersachsen, und der neue Generalsekretär Dirk Niebel. Außerordentlich gut abgeschnitten hat aber auch ein Oldie – Wolfgang Gerhardt ist vom Parteitag mit einem langen, demonstrativ langen Applaus gefeiert worden.

In alledem drückt sich ein diffuses Ungenügen der FDP mit sich selbst aus. Gewiss, sehr tief reicht das nicht; die Liberalen, gerade auf bestem Weg zurück in die Regierungsverantwortung, zweifeln nicht an sich selbst, auch nicht am eigenen Kurs. Aber man könnte sagen, dass die Partei jetzt mit einiger Verspätung die Scham über die kurze Phase der 18-prozentigen Selbsthypnose eingeholt hat. Daraus erwächst eine neue Sehnsucht nach Seriosität. Deshalb das 95-Prozent-Traumergebnis für das neue Präsidiumsmitglied Rößler, der sich dem Parteitag als prinzipientreuer Liberaler mit Haltung empfohlen hatte. Deshalb der Jubel für Gerhardt, den Grundsoliden. Der Jubel hat sich auffällig unterschieden vom Applaus für den Parteichef. Westerwelle kann die FDP aufputschen, zum Lachen bringen, begeistern. Aber Gerhardt wärmt ihr das Gemüt.

Diese Sehnsucht nach Seriosität wirkt sich sehr direkt auch inhaltlich aus. Nicht mehr jeder Versuch, die notorisch um öffentliche Aufmerksamkeit buhlende kleine Oppositionspartei in die Schlagzeilen zu bringen, wird einfach kritiklos akzeptiert. Westerwelle hat für seine grobe Gewerkschaftsbeschimpfung massive Kritik einstecken und seine Attacken relativieren müssen. Er hatte übersehen, dass seine Partei auf ihre Weise schon lange die Volkspartei ist, zu der er sie erst zu machen behauptet hat. Die FDP taugt deshalb nicht als Fußtruppe beim Sturm auf die Institutionen einer Republik, zu deren Stamm- und Gründungsinventar sich diese gleiche FDP doch so gerne zählt.

Ein begrenzt erfolgreicher Parteitag also für den Vorsitzenden. Er ist an Grenzen gestoßen. Ein bemerkenswert erfolgreicher aber für die FDP insgesamt. Ihre politische Basis, zeitweise arg verengt ins Turboökonomische, wird allmählich wieder etwas breiter. Der aufgepumpte Verbalradikalismus verliert an Boden. Die personale Auffächerung lässt wieder etwas stärker den Blick darauf frei, wen es da neben der Nummer eins sonst noch gibt. Die FDP verliert an Unterhaltungswert. Sie wird interessanter dabei.

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