Lea-Sophie : Wir dürfen uns abwenden

Nach dem Urteil gegen die Eltern der verhungerten und verdursteten Lea-Sophie wenden wir uns schaudernd ab. Trotzdem: Die entscheidenden Fragen sind noch unbeantwortet.

Ein Kommentar von Tissy Bruns

Mord, hat das Schweriner Landgericht geurteilt und hohe Strafen gegen die Eltern von Lea-Sophie verhängt. Die Fünfjährige ist verhungert und verdurstet. Als der 26-jährige Vater und die heute 24-jährige Mutter im vergangenen November verhaftet werden, erklärt der Sozialdezernent: keine Versäumnisse der zuständigen Ämter. Es hat sie, laut Untersuchungsbericht, aber gegeben.

Das Schweriner Gericht mag die Schuld der Eltern gerecht bewertet haben. Problematisch ist das Urteil trotzdem. Warum? Der Hungertod von Lea-Sophie hat, wie es immer heißt, „bundesweit für Schlagzeilen“ gesorgt. Wie zuvor der von Jessica oder Kevin. Wenn Eltern ihre Kinder quälen, vernachlässigen, sterben lassen oder umbringen, dann gehört der Fall heutzutage in die Talkshows. Aufregung und Entsetzen über die Monstereltern machen sich breit. Die Kanzlerin ruft zur Kultur des Hinsehens auf. Schnell werden Frühwarnsysteme für Problemfamilien entwickelt. Und schon tritt verlässlich der Effekt ein, den Kindesmord auslöst: Wir wenden uns mit Schaudern ab. So wird es auch nach diesem Urteil sein.

Denn der Tatbestand, dass es auch in unserer Kultur den Kindesmord gibt, findet nur unsere Aufmerksamkeit, nicht aber unsere Empathie, nicht das Mitleid, das der Frage auf den Grund gehen will: Was hat es mit uns zu tun, wenn diese sehr jungen Eltern den Notarzt erst rufen, als es zu spät ist? Gerichte müssen über diese Eltern urteilen, Untersuchungsausschüsse den amtlichen Versäumnissen, die es in Schwerin laut Untersuchungsbericht gegeben hat, nachgehen. Doch in der reflexhaften Aufregungskultur haben sie einen fatalen Nebeneffekt. Wir dürfen uns abwenden. Denn wir wissen immer, wer Schuld hat – die schlimmen Eltern oder die laschen Jugendbehörden.

Es gibt Untaten an Kindern, die wirklich nur mit der Existenz des absolut Bösen zu erklären sind. Wir können sie nicht enträtseln und nicht verhindern. Aber die Eltern von Jessica, Kevin oder Lea- Sophie sind keine Monster. Und die Verbrechensstatistik weist es aus: Kindesmorde durch solche Eltern sind viel häufiger als grausame Sexualverbrechen, die sich der Erklärung entziehen.

Wertschätzung und Hilfsbereitschaft gegenüber allen Menschen, die Kinder haben – nach diesem Leitsatz arbeiten in Dormagen alle Ämter zusammen. Die Stadt hat einen Bürgermeister, der zugleich Präsident des Kinderschutzbundes ist. Doch Dormagen ist der Ausnahmefall. Für gewöhnlich arbeiten Jugend- und Gesundheitsämter gegeneinander, und sie können gar nicht anders, weil sie überfordert und kaputtgespart sind. Wir erlauben uns, abschätzig auf die Sozialarbeiter herabzusehen, so wie wir uns die Haltung erlauben, Eltern schon zu stigmatisieren, wenn sie nur überfordert sind. Gab es je Wertschätzung und Hilfsbereitschaft für die Eltern von Lea-Sophie? Die Frage muss erlaubt sein.

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