Meinung : Leben in der Matrix

Die Forschung überholt die Bioethik-Diskussion

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Von Alexander S.Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

So mancher Bioethiker dürfte sich in diesen Tagen fühlen wie Keanu Reeves alias Neo in dem Kultfilm „Matrix“: Zuerst geschehen merkwürdige und unerwartete Dinge – lokale Störungen im System vermeintlich gesicherter Werte und Erkenntnisse. Dann stellt sich plötzlich heraus, dass die gesamte erlebte Welt, aus der sich Religion, Ethik und Philosophie entwickelt haben, nichts anderes ist als eine große Illusion.

Bei der Diskussion um den Abtreibungsparagraphen in den 70er Jahren war die Welt noch in Ordnung. Alle waren sich darin einig, dass auch ein Embryo menschliches Leben ist, das grundsätzlich vor der Geburt geschützt werden muss. Dann kamen die Stammzellen und das therapeutische Klonen – und verursachten heftige Störungen der bioethischen Wertematrix: Hat ein winziger Zellhaufen in der Gewebeschale dieselbe Menschenwürde wie ein Embryo im Mutterleib? Beginnt das Leben mit der Verschmelzung von Samenzelle und Ei oder erst später? Darf an importierten Stammzellen geforscht werden, zu deren Herstellung Embryos getötet wurden?

Bei dem Versuch, mit der rasanten technischen Entwicklung Schritt zu halten, verließen sich Philosophen, Juristen, Mediziner und auch Theologen ausgerechnet auf molekularbiologische Definitionen: Kirchenvertreter argumentierten, das Menschsein beginne mit der chemischen Verbindung der mütterlichen und väterlichen DNAStränge, weil dann die genetische Einzigartigkeit des neuen Individuums festgelegt sei. Das Embryonenschutzgesetz definiert jede „totipotente“ Zelle – also jede Zelle, aus der unter geeigneten Bedingungen ein ganzer Mensch heranwachsen kann – als Embryo mit Menschenwürde. Weil embryonale Stammzellen angeblich zwar zu Organen, nicht aber zu einem ganzen Organismus auswachsen können – also nur „pluripotent“ sind –, hat der Bundestag die Forschung an ihnen erlaubt.

Spätestens seit Anfang des Monats ist jedoch klar, dass bislang über eine Scheinwelt debattiert wurde. Der Biologe Hans Schöler züchtete in seinem Labor an der Universität von Pennsylvania aus embryonalen Mäuse-Stammzellen funktionstüchtige Eizellen; zugleich zeigte eine japanische Forschergruppe, dass prinzipiell auch Spermien aus Stammzellen gewonnen werden können. Aufgrund dieser und einer Reihe weiterer neuer Erkenntnisse muss vermutet werden, dass sich theoretisch auch menschliche embryonale – und vielleicht sogar adulte – Stammzellen zu totipotenten Zellen umprogrammieren lassen: Offenbar ist die scharfe Grenze, die Bioethiker und Gesetzgeber zwischen „totipotenten“ und normalen Zellen ziehen, in der Biologie gar nicht vorhanden.

Solange Ethiker um die Frage kreisen, welche Zellen ab wann mit Menschenwürde ausgestattet sind, werden sie die Bioforschung nicht einholen. Die wesentliche Frage, was dem Menschen zugemutet werden kann und was nicht, wird sich nicht mit biologischen Definitionen beantworten lassen. Theoretisch könnte menschliches Leben eines Tages sogar aus einer genetischen Datenbank erzeugt werden (bei Viren ist dies bereits gelungen): Die Identität eines solchen Individuums wäre dann im Computer entstanden – so wie die der virtuellen Bösewichter, gegen die „Matrix“-Held Neo ab morgen wieder auf der Leinwand kämpfen wird.

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