Leben, Liebe, Politik : Das Geheimnis Klaus Wowereit

"Und das ist auch gut so", lautet der Titel des Buches, das Klaus Wowereit in dieser Woche präsentieren wird. Davon erwartet sich niemand sozialdemokratische Zukunftskonzepte, sondern Geschichten aus dem Leben. Wer das unpolitisch nennt, unterschätzt den Regierenden und vor allem seine Ambitionen.

Gerd Nowakowski

Das kann er. Setzt sich im Berliner Parlament einfach auf die Oppositionsbank zu den Grünen und plaudert, während CDU-Oppositionsführer Pflüger am Rednerpult vergeblich das Duell mit dem rot-roten Regierungschef fordert. Klaus Wowereit – ein Meister der kleinen Geste. Mit minimalem Aufwand die vereinte Opposition und die Jamaikaträume des CDU-Herausforderers platzen lassen; das hat was.

Die heute beginnende Woche soll seine Woche werden, das hat er sich vorgenommen. „Und das ist auch gut so“, lautet der Titel des Buches, das der Regierende Bürgermeister präsentieren wird. Lebenserinnerungen – mit 53 Jahren. Als ob er seine politische Karriere abgeschlossen hätte. Hat er aber nicht. Im Gegenteil. Andere Politiker wie jüngst Wowereits CDU-Ministerpräsidentenkollege Jürgen Rüttgers melden sich mit konzeptionellen Büchern, um ihre bundesweite Karriere zu befördern. Oder die Genossen und Konkurrenten Peer Steinbrück, Matthias Platzeck und Frank Steinmeier. Die kommen mit sturzsoliden Thesen zum vorsorgenden Sozialstaat. Wowereit setzt sich klar ab. Mit einem Werk, bei dem niemand sozialdemokratische Zukunftskonzepte erwartet, sondern Geschichten aus dem Leben eben.

Wer dies unpolitisch nennt, unterschätzt Wowereit und vor allem seine Ambitionen. Der Regierende Bürgermeister formuliert das Politische im bewussten Gegenschnitt zur abgearbeiteten Riege sozialdemokratischer Parteiführer. Das Private wird zum Politischen, die alte Spontiparole gerät bei Klaus Wowereit in eins. Wer ein solche Marke etabliert hat, braucht nicht traurig zu sein, dass im SPD-Bundesvorstand kein Platz für ihn ist. Warum auch? Längst ist Wowereit froh, fern aller sozialdemokratischer Depression seine Bahn zu ziehen.

Damit hat er Erfolg. Der Regierungschef Klaus Wowereit legt in der tief verschuldeten Hauptstadt einen Haushalt ohne neue Kredite vor – das schaffen sonst nur die Bayern. Und der SPD-Bundesfinanzminister Steinbrück erst 2011. Nach jahrelangem Abbau von Arbeitsplätzen ist zu spüren, dass Berlin seine reiche Wissenschaftslandschaft nutzt und es in einigen Zukunftsfeldern Ansiedlungserfolge gibt. Da mag die Opposition kritisieren, dass er nach sechs Jahren im Amt zunehmend mit präsidialem Gestus regiert und sich fernhält von allen Konflikten – ob Knastskandal oder Schulproblemen. Der Überdruss an den freudlosen Ebenen der Lokalpolitik ist spürbar. Die marode Stadt aber mit harter Hand auf den Weg der Sanierung gebracht zu haben, ohne soziale Aufruhr, das bringt Punkte im Bund.

Dort gelingt es der SPD-Führung nicht, die strukturell linke Mehrheit in Deutschland für die SPD zu mobilisieren. Eingeklemmt zwischen Lafontaines linker Truppe, die das Sozialthema emotional besetzt, und Merkels Modernisierungspragmatismus, bleibt die SPD ratlos. Wowereit kann diese Falle über seine Person auflösen; nicht so bieder wie Beck, nicht so glatt wie Steinmeier, nicht so nörgelig wie Steinbrück. Wowereit bringt das Authentische in die Politik zurück – und Inhalte: sozial verantwortlich, liberal gelassen und großstädtisch tolerant. Er spricht die Lebenswirklichkeit einer verstädternden Gesellschaft an: der hedonistischen Singles, der unvollständigen Familien, der Leute mit gebrochenen Arbeitsbiografien, der kulturinteressierten Alten. Politik kann Spaß machen, das ist seine Botschaft. Wem der verkniffenen Kärrner, die die SPD in die 25-Prozent-Ecke geführt haben, nähme man das ab?

Die große Welt und das ganz Kleine zusammenzubringen – in Osaka bei der Leichtathletik-WM oder im armen Wedding bei einem Sozialprojekt. So wird man populär. Wowereit, das ist der Mann, der bei jeder Show auf der Bühne stehen kann – und jeder fragt nur, wer hier eigentlich der Entertainer ist. Das kommt ganz leicht daher. Doch Wowereit kennt sein Ziel. Mit linken Exponenten wie dem Juso- Chef im Roten Rathaus sind Weichen gestellt, um im Bund mehrheitsfähig zu werden. Abwarten, bis nach einer Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl 2009 seine Zeit kommt? Wowereit kann nicht warten. 2013 drängt schon die nächste Generation. Er sucht seine Chance früher. Auch mit seinem Buch.

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