Meinung : Leben und sterben lassen

Nicht alle Ost-Städte werden die Entvölkerung überstehen

Gerd Appenzeller

Zuerst die schlechte Nachricht. Die Bevölkerung in Ostdeutschland schrumpft weiter. Die Zahl der Menschen in den neuen Ländern wird von 13,7 Millionen Ende des Jahres 2001 auf zwölf Millionen im Jahre 2020 sinken. Vor allem Jugendliche gehen. Diese Zahlen hat das Statistische Bundesamt ermittelt.

Und nun die gute Nachricht: Das hat zwar auch mit den fehlenden Zukunftsperspektiven nach dem Kollaps der DDR-Wirtschaft zu tun, die Entwicklung selbst ist aber viel älter. Bereits seit 1969 gab es in der DDR mehr Sterbefälle als Geburten. Der sozialistische Staat war damit das erste Land der Welt der Moderne mit einer negativen Bevölkerungsentwicklung. Zahlen dazu hat der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg jetzt in Berlin präsentiert.

Warum das so gewesen ist, obwohl die DDR den Westdeutschen immer als kinderreiches Land erschien (wer Kinder hatte, bekam schneller eine Wohnung), wissen wir. Es hängt ausschließlich mit der politisch motivierten Massenflucht junger Menschen aus der DDR zusammen. Die zurückgebliebenen Menschen bezeichneten sich selbst in stillen Stunden sarkastisch als „Der Dumme Rest“. Die Folgen der politisch motivierten Landflucht sind identisch mit jener aus ökonomischen Gründen. Es sind die Jungen und Leistungsfähigen, die gehen. Zurück bleiben die Alten, schlecht Ausgebildeten, schwer Motivierbaren und natürlich jene, die in der Heimat ein Auskommen finden können.

Auch das ist nicht neu. Vor 45 Jahren verschob sich nach einer ähnlichen Wanderungsbewegung die Bevölkerungsstruktur in Ostfriesland und im Bayerischen Wald. Die Älteren erinnern sich vermutlich noch gut an die Einödgefühle, die man damals beim Besuch der verlassen wirkenden Dörfer jener Regionen hatte. Zu jener Zeit freilich gab es Aufbruchstimmung in Deutschland, die Ansprüche des Einzelnen waren geringer, der Glaube an die Wendung des Schicksals zum Guten hingegen sehr groß.

Davon ist nicht viel geblieben. Dennoch ist die Einsicht in das Unvermeidbare bis vor wenigen Wochen nicht gerade gefördert worden, weder von der Bundes-, noch von den Landesregierungen. Und unvermeidbar ist vor allem die Konzentration aller Fördermaßnahmen auf jene Regionen, die eine Entwicklungsperspektive haben. Das heißt aber im Umkehrschluss: Schwache Randregionen werden nicht mehr mit erheblichen Zuschüssen aufgepäppelt werden können. Man kann das brutal Sozialdarwinismus nennen. Ganz unideologisch betrachtet ist es der rationale Einsatz begrenzter Ressourcen.

Die Planer verfahren schon lange nach diesem Prinzip. Nur hat die Politik sich bisher nicht getraut, das öffentlich zu machen. Im Städtebau zum Beispiel wird in drei Kategorien eingeteilt:

1.Welche Kommune soll mit Subventionen entwickelt werden, weil ihre Aussichten gut sind? Bevorzugt werden alte Städte, weil gewachsene Stadtkerne immer noch die größte Attraktivität haben.

2. Auf was kann verzichtet werden? Da geht es innerhalb der Städte um weitgehend entvölkerte Bezirke, vor allem in Plattenbauweise (die es ja im ehemaligen Westen auch zuhauf gibt).

3. Die Fragezeichenstädte. Das sind jene, die in den Kategorien 1 und 2 schlecht abschneiden. Die Zahlung weiterer Subventionen ist hier fragwürdig.

Bei den Planern werden als Muster für die Kategorien 1 und 3 zum Beispiel die beiden sachsen-anhaltinischen Städte Weißenfels, südlich von Halle-Leipzig, und Wolfen, nördlich dieses Städtebandes, genannt. Die Einwohnerzahl von Wolfen, dem ehemaligen großen Chemiestandort, schrumpft weiter dramatisch. Der Bevölkerungsrückgang in der baulich weit attraktiveren, spätmittelalterlich geprägten und landschaftlich reizvoller gelegenen Stadt Weißenfels hat weit weniger schlimme Dimensionen. Das Votum der Planer wäre klar: Ein Go für Weißenfels, ein Stopp für Wolfen. Ob die Landesregierung den Mut dazu aufbringt, ist eine ganz andere Frage.

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