Lebenslanger Leidensweg : Ein Zwischenruf zu Analphabeten

Es ist ein Leben mit der Dauerangst im Kopf, sich zu blamieren: Barbara John über Millionen Menschen in Deutschland, die weder schreiben noch lesen können.

Barbara John

Ich wieh ane lren Mrea/Dan Bain ich Mauer/Futer wieh ich lecnen len“: Was dieses unverständliche Geschreibsel soll? Eine bestürzende Entwicklung bewusst machen, die sich mitten unter uns ereignet und dennoch kaum Aufmerksamkeit findet: Millionen unserer Mitmenschen können nicht lesen und schon gar nicht schreiben, wenn es um mehr als einen oder zwei Sätze geht. Was der Verfasser dieses Schreibversuchs mitteilen will, ist: „Ich will eine Lehre machen. Dann bin ich Maurer. Vorher will ich lesen lernen.“

Er ist Mitte zwanzig, nicht im gängigen Sinn behindert (körperlich, geistig), nicht eingewandert, er verdient seinen Lebensunterhalt durch Arbeit, aber in der Welt der Schrift kann er sich dennoch nicht bewegen; sie ist ihm verschlossen. Mit diesem Unvermögen gehört er keineswegs einer kleinen sozialen Minderheit an. Sein Schicksal teilen mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, also fast jeder sechste unter der erwerbsfähigen Bevölkerung, wie kürzlich in einer großen Studie, gefördert vom Bundesbildungsministerium, festgestellt wurde. Es handelt sich um die Gruppe der „Funktionalen Analphabeten“. Weitaus mehr sind es (13 Millionen), wenn die Aufgabe lautet, einen kleinen Textabsatz lesend oder schreibend zu bewältigen. Und Dreihunderttausend kapitulieren schon vor einzelnen einfachen Wörtern.

Die Gesamtgruppe ist doppelt so groß, wie vermutet wurde. Warum sie dennoch nicht auffällt? Weil die meisten dieser Menschen ein wahres Können entwickelt haben, ihre Schwäche zu verbergen. Zum Repertoire gehört: die vergessene Brille, der fehlende Kuli, die Bitte, der Nebenstehende möge schnell mal einspringen, der Hinweis, das habe ich gelesen, das merke ich mir, ohne es aufzuschreiben und ähnliches. Es ist ein Leben mit der Dauerangst im Kopf, sich zu blamieren, den Partner, Freunde, den Arbeitsplatz zu verlieren. Als Versager dazustehen, der dümmer ist als ein Zweitklässler. Ein lebenslanger Leidensweg.

Ja, es gibt Ursachen, die vermeidbar wären: aufmerksamere Lehrer und Eltern, bessere Förderung im Kinder- und Jugendalter, eigene fehlende Kraft und Entschlossenheit, sich die Schriftzeichen einzuverleiben. Nur hilft das den Versteckspielern im Erwachsenenalter nicht weiter. Der Bund hat jetzt zwar mehr Programme gestartet, aber das Geld reicht dennoch nur für wenige. Was aber allen helfen würde, wenn wir es bemerken oder über sie reden, das haben wir, die Zeichenkundigen, in der Hand: Signale der Ermutigung, statt naserümpfende Arroganz.

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