Meinung : Lebensversicherung Bombe

Letzte Diktatoren (1): Warum Kim Jong Il mit Atomwaffen spielt

Harald Maass

Zum Jahresende kürt das US-Nachrichtenmagazin „Time“ den „Mann des Jahres“. Und darf doch nicht immer ganz sicher sein, die Person auszuwählen, die das Jahr tatsächlich am stärksten geprägt hat. Denn das Böse will „Time“ nicht auch noch prämieren. Osama bin Laden wurde 2001 erst gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Dabei sind es durchaus Übeltäter, die die Zeitläufte bestimmen. Was Grund genug wäre, den Titel „Diktator des Jahres“ einzuführen. Um den wetteifern 2002 Saddam Hussein und – Kim Jong Il. Der zweite könnte langfristig die größere Gefahr für den Weltfrieden darstellen.

Der Irak, begründen die USA ihre Kriegspläne, habe B- und C-Waffen. Kim Jong Il sagt, er habe sogar die A-Waffe. Im Oktober gestand Nordkorea die Existenz eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms ein: ein Bruch des Atomvertrages von 1994. Seitdem ging es Schlag auf Schlag: Nordkorea trat vom Atomkontrollabkommen zurück, kündigte die Kooperation mit der Internationalen Atombehörde auf, will die 1994 stillgelegten Atomreaktoren wieder in Betrieb nehmen – und schaltete jetzt die Überwachungssysteme der UN in den Atomanlagen ab. Nordkorea ist damit in der Lage, unkontrolliert Plutonium für Atombomben herzustellen.

Die USA reagierten zurückhaltend. Sie erhöhten den wirtschaftlichen Druck, stellten die Öllieferungen ein, die Gegenleistung für den Verzicht auf Atomenergie. Ansonsten baut Amerika vor allem auf Diplomatie, überzeugte Nordkoreas ehemalige Schutzmächte China und Russland, Kim Jong Il zur Aufgabe der Atompläne zu drängen. Japan stoppte die Gespräche über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, Südkorea bremste die Annäherungspolitik. Einen Krieg gegen Nordkorea schloss Washington aus.

Der Grund dafür ist die militärische Lage ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Koreakrieges. Der Norden unterhält eine der größten Armeen der Erde und hat seine Raketenarsenale entlang der Demarkationslinie ausgebaut. Zwar wäre es für die US-Armee ein leichtes, die schlecht ausgerüsteten Nordkoreaner zu besiegen. Mit seinen Raketen würde Nordkorea jedoch Seoul und andere Großstädte in Südkorea und möglicherweise auch in Japan in ein Feuermeer verwandeln. Millionen Menschen würden sterben. Militärisch lässt sich keine Lösung erzwingen. Für die Abwehr seines Sturzes von außen braucht King Jong Il keine Atomwaffen.

Wozu dann? Der Diktator sucht Anerkennung durch Verhandlungen. Seine Volksrepublik ist der isolierteste Staat der Erde, die Bevölkerung durch jahrzehntelange Planwirtschaft an Entbehrungen gewöhnt. Versuche, das Regime durch ein Wirtschaftsembargo zu schwächen, scheiterten in der Vergangenheit. In den 90er Jahren verhungerten in Nordkorea Schätzungen zufolge bis zu drei Millionen Menschen. Obwohl das Volk zum Teil Gras und Blätter essen musste, wurde nicht eine einzige Demonstration gegen das Regime bekannt. Es gibt keine innere Opposition, die Zensur arbeitet nahezu perfekt. Nach einem halben Jahrhundert der Isolation wissen die meisten Nordkoreaner nicht, wie es im Rest der Welt aussieht. Selbst wenn Millionen verhungern müssten, Kims Machtposition bliebe unangetastet.

Die einzige Möglichkeit, Kim von seinen Atomplänen abzubringen, sind Verhandlungen. Die Chancen stehen nicht schlecht. Militärisch kann Nordkorea auf die Atombombe verzichten, seine konventionellen Waffen sind Abschreckung genug. Für Kim Jong Il hat die Bombe politische Bedeutung, sie soll das Überleben seines Regimes garantieren – damit Nordkorea ein zweiter Irak wird.

Zwei Bedingungen stellt Kim: einen Nichtangriffspakt mit Amerika. Und das Atomabkommen von 1994 soll neu verhandelt werden, um die lebensnotwendige Energieversorgung sicherzustellen. Auf die erste Forderung werden die USA keinesfalls eingehen. Das würde ja aussehen, als ob die Weltmacht sich erpressen ließe. Einen Kompromiss könnte es bei den Energielieferungen geben. Pjöngjang müsste dafür einer verlässlichen Überwachung seiner Atomanlagen zustimmen, die es bisher verweigert. Als Gegenleistung würden die USA mit Südkorea und Japan die 1994 versprochenen beiden zivilen Leichtwasserreaktoren fertig bauen.

Doch selbst wenn der Atomstreit so geschlichtet würde: Das Problem Nordkorea bleibt bestehen. Solange das Land am Rande des wirtschaftlichen und politischen Abgrundes manövriert und die USA an ihrer Politik des Kalten Krieges festhalten, ist Pjöngjang die größte Sicherheitsbedrohung in Asien. Saddam Hussein ist in den Schlagzeilen, Kim Jong Il wird die Welt länger beschäftigen.

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