Meinung : Leg Dich quer, dann bist Du wer

Warum Schröder-Bashing unter jungen SPD-Abgeordneten zum guten Ton gehört / Von Hans-Peter Bartels

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POSITIONEN: WAS KOMMT IN DER SPD NACH DER GENERATION DER ALT68ER?

Meiner Altersklasse in der Politik fällt es schwer, auf die gleiche Weise Generation zu sein wie unsere Vorgänger. Wir könnten dieselben Rollen spielen: junge Wilde, romantische Rebellen, unbeugsame Idealisten, höchstmoralische Anhänger weiser Visionäre – und das tragisch oder komisch, realistisch oder satirisch. Wir haben die alten Aufführungen gesehen und drüber gelesen, wir sehen, wie die Charaktere sich in 30, 35 Jahren gemeinsamen Spiels entwickelt haben, unromantischer geworden sind, biegsam, doppelmoralisch, cool, argwöhnisch den Nachkommenden gegenüber.

Wer gegen die regierenden 68er, die ApoOpas rebellieren, sich einen Namen machen, in ihre Institutionen marschieren möchte, kann das mit schönem Medienerfolg auf ihre Weise versuchen: Leg dich quer, dann bist du wer! Scheinbare Fundamentalopposition als Karriereprinzip – das finden insbesondere Journalisten dieser Generation nach wie vor originell. Ein neuer Karsten, eine neue Heidi, ein neuer Rudolf, Björn, Gerd…

Es liegt so blödsinnig nahe, aber so geht es nicht! Wie jede politische Formation sind wir eine eigene Generation nur in Beziehung und Abgrenzung zur Vorgängergeneration. Für die SPD des Alt-68er Establishments wäre eine Lücke allerdings nicht so ideal. Zwar traut diese grande generation den Jüngeren nicht über den Weg, aber käme nach ihr nichts mehr, hätte sie selbst historisch versagt. Sie bildete in den Staatskanzleien und Chefredaktionen, in Lehrerzimmern und UniInstituten den Höhepunkt und Abschluss einer linken Emanzipationsbewegung, an deren Ende das Pendel kräftig nach rechts schwänge, zu neoliberalen Sozialstaatsverächtern oder zu neudeutschen Populisten.

Zum Durchsetzungserfolg der rot-grünen 68er gehört, dass sie ihr Misstrauen gegen Andersaltrige praktisch werden ließen: Sie blieben eine durch die Gesellschaft wandernde Modellgeneration, sich selbst genug, hermetisch. Solange sie nicht gemeinsam am anderen Ufer angekommen waren, mussten die nächsten warten. Die Nachrückenden waren ohnehin nicht mehr so zahlreich. Und wurden, indem sie die Ideologiekonflikte der 70er Jahre verbissen nachspielten, offenbar ihrem Ruf gerecht, nicht viel zu taugen. Nun treten die großen Vorbilder nach und nach von ihren Ämtern zurück. 60. Geburtstage als politisches Dauerfestival, 2003: Peter Struck, Christoph Zöpel, Heide Simonis, Herta Däubler-Gmelin, Oskar Lafontaine, Ursula Engelen-Kefer, Wolfgang Thierse, Renate Schmidt.

Was kommt danach? Wer? Und wie? Ein Generationenwechsel im Konflikt ist nicht zu erwarten. 1998 wiegten SPD-Granden und Beobachter noch bedenklich die Köpfe bei der Frage, welches Personal nach Schröder komme. Heute behauptet kaum noch jemand, es fehle der SPD personelles Erneuerungspotenzial. Ende der letzten Kohl-Regierung waren nur acht SPD-Bundestagsabgeordnete jünger als 40, 1998 wurden es drei Dutzend, 2002 kamen noch einmal dreißig hinzu, teils direkt gewählt. Mit Ute Vogt in Baden-Württemberg, Olaf Scholz in Hamburg, Christoph Matschie in Thüringen, Heiko Maas im Saarland setzten sich Nach-68er an die Spitze von Landesverbänden. Im Bundeskabinett schlägt sich diese Erneuerung noch nicht nieder, aber dem Parteivorstand gehören sechs Mitglieder unter 40 an.

Zum Eindruck, da formiere sich eine neue politische Generation, hat die Gründung des „Netzwerks Berlin“ Anfang 1999 beigetragen. Es orientiert sich nicht am alten Parteiflügeldenken – rechts oder links. Eine formale Altersbegrenzung gibt es nicht, aber 68er-Bashing gehört zum Grundton. Die Abgeordneten bilden den koordinierenden Kern, drumherum versammeln sich jüngere Ministeriale, Medien- und Verbandsvertreter, Wissenschaftler und Studenten. Sie kennen sich nicht seit jungsozialistischen Sandkastenzeiten, sondern haben sich erst in Berlin kennen gelernt und auf Gemeinsamkeiten verständigt. Auch darauf, das Warnprogramm der Vorgänger-Freunde zu ignorieren. Phase eins: „Nicht hingucken – da ist nichts!“ Phase zwei: „Falls da was ist, gefällt es uns nicht!“ Und nun Phase drei: „Die wissen doch nicht, was sie wollen!“

Bei unseren Altvorderen wusste man immer, woran man war, so oder so. „Was wollen die Jungsozialisten?“ hieß 1971 ein Antwortbuch von Norbert Gansel. Andere überwanden den Kapitalismus per Beschluss, kritisierten die Sekundärtugenden des SPD-Kanzlers, erfanden den Ökosozialismus, rüttelten am Kanzleramtszaun: „Ich will hier rein.“

Eine große theatralische Gesellschaftsalternative, ein nassforscher Machtanspruch, „Tabu"-Brechen aus Kalkül – das wird es in unserer Generation nicht geben. Sondern: Vertrauen auf die eigenen Antworten, die eigene Kraft, den eigenen Weg einer zusammengewürfelten Generation, die noch dabei ist, sich zu finden. Worum muss es gehen?

Erstens kümmern wir uns um die Erweiterung des alten sozialdemokratischen Gerechtigkeitsbegriffs, der den jeweils aktuellen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit, später zwischen reichem Norden und armem Süden, zwischen Frauen und Männern forderte. Hinzukommen muss der gerechte Ausgleich zwischen den Generationen. Zum Beispiel: grundsätzlich keine neuen Schulden mehr auf Kosten späterer Zinsen, Tilgung, Steuererhöhungen. Für die Generationengerechtigkeit wollen wir, zweitens, die materiell-ökonomischen Entwicklungen vom Wachstum des Ressourcenverbrauchs und der Naturzerstörung abkoppeln, manche sprechen von „nachhaltiger Entwicklung“. Das heißt zum Beispiel: Energieeffizienz, Stoffkreisläufe, Langlebigkeit von Konsumgütern.

Drittens brauchen wir so etwas wie einen Wandel des Wertewandels, weg von der Superindividualisierung, der Vereinzelung und Vereinsamung, von Bindungsangst und Flexibilitätszwang – hin zu einem Mehr an Verbindlichkeit (Familie, Nachbarschaft, Verein …). Man könnte angesichts der Globalisierungskrise von einer Politik zum Schutz der sozialen Umwelt sprechen.

Viertens: der oft harmlos so genannte „demografische Wandel“, das Ausbleiben von Kindern, das nicht mehr aufzuhaltende Kippen der Bevölkerungspyramide in Deutschland und anderswo in Europa. Indem wir auf Nachwuchs verzichten (1,3 Kindern auf zwei Erwachsene), schaffen wir uns als Generation selbst ein Problem. Um es zu lösen, wird eine große politische und soziale Bewegung nötig sein: Wie können Wohlstand und soziale Sicherheit in einer schrumpfenden Gesellschaft bewahrt werden?

Wir stehen vor einem neuen Stück, in dem ganz neue Rollen zu besetzen sind.

Der Autor ist SPD-Bundestagsabgeordneter und 42 Jahre alt. Foto: Visum

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