Meinung : Lehrer, ihr müsst tapfer sein! Auch die neue OECD-Studie kritisiert die deutschen Schulen

Anja Kühne

Wer in Deutschland Lehrer ist, braucht seit der Pisa-Studie ein sehr dickes Fell. Kein anderer Berufsstand muss so viel Prügel aushalten. Natürlich: Die Kritik richtet sich nie gegen den einzelnen Pädagogen, sondern gegen „die Schule“ im Allgemeinen. Aber wer hier seinen Arbeitsplatz hat, identifiziert sich nun einmal damit. Er fühlt sich getroffen, wenn er erfährt, dass die eigenen Anstrengungen offenbar nur mittelmäßige Schülerleistungen hervorbringen. Er ist gekränkt, wenn er hört, die eigene Ausbildung sei schlecht, das Gehalt zu hoch und der Beamtenstatus überflüssig. Will niemand denjenigen Anerkennung zollen, die sich unermüdlich um oft schwierige Kinder und Jugendliche bemühen?

Die „Lehrerstudie“ der OECD kritisiert Deutschlands Schulen jetzt noch einmal sehr hart. Viel Neues gibt es dabei nicht – der Befund ist seit Pisa und anderen Studien längst bekannt. Die Aus- und Weiterbildung der Lehrer ist nicht gut, das dreigliedrige Schulsystem fragwürdig, die Besoldung unflexibel. Das kennt man alles schon. Ungewohnt scharf ist jedoch der Ton, den die Wissenschaftler anschlagen, wenn sie die deutsche Schule charakterisieren – zu scharf. Deutschlands Schulen seien „auf dem Weg in eine alte Zeit“. Lehrer wie Schüler hingen an „Marionettenfäden“ und müssten über ihre Leistungen keinerlei Rechenschaft ablegen. Das dreigliedrige Schulsystem führe zu einem „versteinerten Schulalltag“.

Das ist überzogen. Natürlich wird die Leistung von Schülern und Lehrern überprüft. In Tests und Klassenarbeiten zeigt sich, was einer gelernt hat. Dass das nicht reicht, ist bekannt. Sicherlich sind die Schulen von der Schulverwaltung überreguliert. Deshalb Schüler und Lehrer als „Marionetten“ zu bezeichnen, geht zu weit. Deutsche Lehrer erziehen ihre Schüler zu kritischen, mündigen Bürgern. Und vielerorts gibt es ein lebendiges Schulleben, in dem Lehrer und Schüler sich außerhalb des Unterrichts engagieren.

Die deutsche Schule weiß längst, dass sie besser werden muss. Ob das gelingt, wird entscheidend von der Motivation der Lehrerinnen und Lehrer abhängen. Sie müssen versuchen, sich von der Kritik nicht unterkriegen zu lassen, sich immer wieder darauf besinnen, dass sie Umständen gilt, die die Pädagogen selbst meist nicht zu verantworten haben. Und wenn die Kritik überzogen ist, sollten sie sich die Ohren zuhalten.

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