Meinung : Lehrer sind auch nur Menschen

„Krankes System“ von Harald Martenstein, vom 15. Mai

Herrn Martenstein ist nicht begreiflich zu machen, was die meisten Menschen, die mit Schule zu tun haben, ohne Weiteres verstehen: Unterrichtsausfall in Schulen ist unvermeidlich, solange die Schulverwaltung den Schulen keine hinreichende Vertretungsreserve zur Verfügung stellt oder stellen kann. Schulleitungen „stellen die Lieferung des Produkts, des Unterrichts“ nicht einfach ein, sondern geben sich alle Mühe, Unterrichtsausfall zu vermeiden. Wenn aber eine Fachlehrkraft unvorhersehbar ausfällt und eine andere Fachlehrkraft planmäßig nicht zur Verfügung steht und auch alle anderen Lehrkräfte entsprechend dem Stundenplan nicht einsetzbar sind, bleibt eben nichts anderes übrig, als die geplante Fachstunde ausfallen zu lassen. Herrn Martensteins unsinnige Vergleiche mit anderen Arbeitsbereichen sind Belege seiner Unwissenheit oder Ignoranz, Beispiel: Genau wie bei überraschendem Ausfall aller Sportredakteure das Erscheinen der Zeitung nicht eingestellt wird, geht auch in der Schule bei Ausfall einer oder mehrerer Lehrkräfte der Unterricht natürlich weiter. Aber alle Betroffenen würden zu Recht protestieren, wenn statt von einer Fachlehrkraft der Unterricht von einer Lehrkraft ohne entsprechende Fachkenntnisse erteilt würde. Anders, als nach Herrn Martensteins Meinung bei einer Zeitung, kommt es in der Schule eben auch auf die Qualität des Produkts an.

Knut Bialecki, OStD a. D.,

Berlin-Zehlendorf

Ja, Herr Martenstein, diese Debatte ist ein Hohn verglichen mit dem, was man so geboten bekommt auch als Eltern, deren Kinder ins Gymnasium gehen. Ich ging neulich durch den Park im Bezirk Zehlendorf und war in Begleitung, die stolz darauf war, dass ihre Kinder in ein Gymnasium gehen, in dem es weniger Rauschgiftkonsum gibt als ... und dann wurden Dahlemer Gymnasien aufgezählt. Nun, das muss man glauben. Aber ich höre diesbezüglich so manches, auch von Privatschulen. Dann unterhielten wir uns über Unterrichtsausfall und siehe, ihre Kinder hatten sogar noch weniger Französischunterricht als meine. Drei Lektionen in einem Jahr. Was an unserer Gesamtschule auch stattfand, Unterrichtsausfall, weil die Schulleitung überfordert war. Der hauptamtliche Schulleiter war gerade in Pension gegangen und einen Nachfolger gab es ein Jahr lang nicht, was weidlich ausgenutzt wurde, und der neue flog nach einiger Zeit wegen unkollegialen Verhaltens. Und dann war die Stelle wieder länger vakant. Wenn das Otto Normalverbraucher macht, fliegt er oder geht pleite. Unterrichtsausfall wegen ich weiß nicht was. Meine Kinder sind erwachsen, und ich mache drei Kreuze.

Annemarie Wachsmann,

Berlin-Dahlem

Ihre Gedanken und Ideen zur Verbesserung des Bildungswesens kann ich verstehen, allerdings scheint es, dass Sie nicht gut über Schule informiert sind. Ich arbeite als Lehrerin und Integrationslehrerin seit vielen Jahren an einer Steglitzer Grundschule. Da ich auch lange Jahre anderen Berufstätigkeiten nachgegangen bin, verfüge ich durchaus über genügend Distanz und einen kritischen Blick nicht nur auf das System Schule, sondern auch auf die dort Beschäftigten.

Deshalb darf ich Ihnen einmal beschreiben, wie tatsächlich bei Krankheit von KollegInnen verfahren wird: Jede Kollegin/jeder Kollege hat in seinem Stundendeputat von 28 Wochenstunden zwischen einer bis drei „Springstunden“ eingebaut, das sind zusätzliche Stunden, die jederzeit zu Vertretungszwecken herangezogen werden können.

Morgens um halb acht ist der Krankenstand bekannt und man weiß, in welchen Klassen man zusätzlich unterrichten wird. Im Notfall werden Teilungs- oder Integrationsstunden herangezogen.

Wenn ein längerer Krankheitsfall bekannt ist, werden umgehend Vertretungskräfte aus Personalkostenmitteln eingesetzt. Wie Sie vielleicht wissen, verfügt jede Schule über diese finanziellen Möglichkeiten. An unserer Schule kamen bisher Lehrerinnen mit 1. Staatsexamen, Pensionäre und Personen mit M.A. zum Einsatz, sehr zur Zufriedenheit von Eltern und Kindern. Unsere Schule erhält jedes Jahr von Senatsseite ein ausdrückliches Lob dafür, dass wir einen äußerst geringen Ausfall haben. Unsere Schule ist übrigens kein Ausnahmefall!

Sie verstehen sicher, dass ich mich als Lehrerin, die jeden Tag bei immer schwierigeren Bedingungen ihr Bestes gibt, über Ihre Kolumne sehr geärgert habe. Was Entbürokratisierung und „eher schädliche Schulstrukturreformen“ betrifft, stimme ich mit Ihnen völlig überein.

Martina Winnig-Schiedel,

Berlin-Steglitz

Im Beitrag von Herrn Martenstein prangert er das Berliner Schulsystem an. Zu Recht, wie ich meine. Allerdings kann ich nicht ganz mitgehen mit seiner Schlussfolgerung, nämlich, die Unterrichtsausfälle mit freiwilligem Einsatz von Rentnern und Laien zu kompensieren. Unser Nachwuchs hat Besseres verdient!

Wenn wir uns nach den Ursachen der Misere umschauen, können wir schnell feststellen, dass die Unterrichtsausfälle durch die einhundertprozentige oder oftmals noch darunter liegende Ausstattung an Personal bewirkt werden. Das heißt, dass für den anfallenden Unterrichtsbedarf genau so viele Lehrkräfte angestellt werden, um mit ihrem rechnerischen Stundendeputat den Bedarf abdecken zu können. Klar ist, dass bei Ausfall einer Lehrkraft, keine freien Ressourcen mehr zur Verfügung stehen. Hintergrund sind die Finanzen. Obwohl sämtliche Politiker aus allen Parteien im Wahlkampf immer wieder bemüht sind zu betonen, wie wichtig doch die Bildung sei, zeigt die Praxis, dass der Bildungsbereich eben nicht die immer wieder beschworene Priorität genießt. In sensiblen Branchen ist die Quote der Personalabdeckung immer >100 Prozent. Diese Quote steht in Abhängigkeit von der erforderlichen Produktionssicherheit und vom Grad der gesundheitlichen Beeinträchtigung am Arbeitsplatz. Im Berliner Schulsystem war in den letzten Jahren eben nicht die Sicherstellung des Unterrichts im Focus der Schulpolitik, sondern das „Optimieren“ der Lehrkraftressourcen. Dieses freilich geht zulasten der Gesundheit.

Ich würde nicht von einem kranken System sprechen, sondern eher von einem perfiden System.

Hans-Jürgen Berg-Rupprecht,

Falkensee

Es ist schon beinahe tragisch und komisch zugleich, dass der meist von Theoretikern betriebene Wunsch nach Perfektion zu Ergebnissen führt, die theoretisch auch nur von Perfektionisten zu handhaben sind; wenn ein nicht vorhergesehenes Ereignis oder einfach nur der Alltag dazwischenkommt, kracht es im System. Harald Martenstein hat völlig recht, seine praktischen Einsichten werden aber wieder auf taube beziehungsweise verständnislose Ohren stoßen, leider!

Klaus Stephan, Berlin-Lichterfelde

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