LEICHTS Sinn : Claudia Roths Silben haben eine Hacke

Unsere politische Rhetorik ist verkümmert. Politkerdeutsch könnte mehr Melodie vertragen

Robert Leicht

Immer wieder fragt man sich, weshalb unsere politische Rhetorik so verkümmert ist. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig – und es liegt gewiss nicht nur daran, dass uns die politischen Redner irgendwie ausgegangen sind. Obwohl uns natürlich die großen Beispiele inzwischen sehr fehlen: Franz Josef Strauß, Herbert Wehner, Helmut Schmidt(-Schnauze), Hermann Höcherl, Karl Schiller, Otto Graf Lambsdorff – die großen Debattenredner!

Oder Willy Brandt, der übrigens kein soo großer Debattenredner war, und Erhard Eppler als die konzeptionellen Rhetoriker, wie heute vielleicht auf seine Weise Wolfgang Schäuble. Nur Joschka Fischer reichte noch eindeutig in diese Liga – und Oskar Lafontaine („unser Strauß des Saarlandes“, so Willy Brandt einmal über ihn) hätte es können, wenn er bei der ursprünglichen Fahne geblieben wäre. Gewiss, Gregor Gysi kann witzig sein, aber dem, was er zu sagen hat, kommt eben konzeptionell kein seriöses Gewicht zu.

Otto Schily war schlagfertig – aber etwa bewegend? Also, Hand aufs Herz, wem würde man noch – unabhängig von Meinung und Parteiung – zuhören, einfach gerne zuhören, weil seine Rede ein intellektuelles wie emotionales Ereignis wäre, faszinierend oder ärgerlich?

Es gibt aber auch strukturelle Ursachen, die zur Verblassung der politischen Sprache geführt haben. In einer Zeit, in der Politik überwiegend mit Sozialtechnokratie zu tun hat (Gesundheitsreform, Pflegeversicherung, Arbeitsmarkt, Steuerpolitik), ist die Gefahr sehr groß, dass die Sprache und deren Redner nicht genügenden Abstand vom technokratischen Kleinklein ihres Gegenstandes halten können. Nicht wenige Politiker haben es sogar ganz aufgegeben, den Maßnahmenkatalog ihrer Politik aus einem Entwurf (um nicht zu sagen: aus einer Vision) abzuleiten und ebenso moralisch wie logisch in einem größeren Maßstab zu begründen – der klassische Fall für diese konzeptionelle wie rhetorische Ausfallerscheinung war Gerhard Schröder gewesen, der es offenbar panisch ablehnte, seiner Rede – wie er es sah – auch nur ein wenig Rouge aufzulegen.

Die Sprache der verwalteten Welt hat also die Sprache der Politik weithin verdrängt. Es wären noch manche Gründe für die Verarmung der politischen Sprache anzuführen – aber für heute möchte ich das Auge, genauer: das Ohr meiner Leserinnen und Leser (ja, auch der heutzutage obligatorische inklusive Sprachgebrauch wirkt rhetorisch oft als Klotz am Bein, aber das nur nebenher) – für heute möchte ich das Ohr meiner Lesepersonen (das Problem gut umgangen, nicht wahr?) auf ein Phänomen lenken, das mir immer peinlicher auf die Nerven geht: Die unsere politische Sprache überwältigende Neigung, immerzu und an den falschen Stellen die erste Silbe der Wörter zu betonen. Das klingt dann so: „Es ist für die Zukunft unserer Demm-okratie un-verzichtbar, die finn-anziellen Konn-sequenzen der demm-ografischen Re-volution zu katt-alogisieren – sonst droht uns eine Katt-astrophe.“

Würde dieser Satz ohne die brutal hämmernde Phonetik eines bürr-okratischen Einpeitschertums, in welcher Claudia Roth von den Grünen eine besondere Meisterin ist, ausgesprochen, wäre er zwar nicht schöner, aber er klänge wenigstens schon etwas melodischer: „Es ist für die Zukunft unserer Demokratie unverzichtbar (blödes Wort, sowieso!), die finan-ziellen Konsequenzen der demografischen Revolution zu katalogisieren – sonst droht uns eine Katastrophe.“ Aber technokratischer Politjargon plus hackende Erstsilbenbetonung verdirbt unsere öffentliche Sprache vollends.

Ein liebenswürdiger Kollege, dem ich diese Seuche neulich akustisch vormachte, sagte daraufhin doch tatsächlich ganz arglos: „Das müssten Sie einmal komm-entieren.“ Was hiermit geschehen sei!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben