LEICHTS Sinn : Die Faszination der Festspiele

Der Starkult um Barack Obama lehrt uns etwas über Amerika. Das Land der Gegensätze ist und bleibt in Bewegung.

Robert Leicht

Zwischen Ballack und Barack: Jeder Starkult irritiert mich – auch das sehnsüchtige Blicken auf Obama, den demokratischen Anwärter auf das Weiße Haus. Dabei scheint die Tatsache, dass man so herzlich wenig über ihn und seine konkreten Vorhaben weiß, die Herzen eher noch anzufeuern. Was mich indessen bei Gelegenheit der Obama-Festspiele fasziniert, ist der Blick auf Amerika selber.

Zunächst einmal straft die hohe weltweite Aufmerksamkeit all das konjunkturelle Gerede Lügen, dass die USA nach und nach ihre Macht eingebüßt haben. Was würde uns die Nachfolge des George W. Bush interessieren, wenn nicht auch der einer Supermacht bevorstünde, deren Einfluss weiterhin immens bleibt, im Guten wie im Schlechten? Einer Supermacht zudem, von deren Verhalten auch unser deutscher Spielraum und unsere Sicherheit entscheidend abhängen.

Selbst die Hoffnung auf Obama ist zunächst nur der Spiegel unserer ungern eingestandenen Abhängigkeit – was übrigens auch für den latenten und larvierten Anti-Amerikanismus gilt, den man genauso wenig zugeben will.

Sodann aber verweist auch der bisherige Weg des Barack Obama wieder einmal auf den Kontrast zwischen der massiven Weltmachtrolle einerseits und dem höchst sprunghaften Verfahren, aus dem dann die Bewerber um das Präsidentenamt herausgefiltert werden. Ich war zufällig in den USA, als plötzlich im abendlichen Fernsehen ein bis dahin unbekannter Gouverneur aus Arkansas (Clinton, so war wohl seine Name) dem überraschten Publikum erklärte, er wolle nun Präsident werden. Ich habe zufällig zusehen können, wie der nun wirklich erfahrene Ted Kennedy einen Anlauf auf das Weiße Haus nahm, dann aber erst einmal von einem Fernsehreporter gefragt wurde, weshalb er denn nun Präsident werden wolle, dann auf diese ungewohnt direkte, freilich sehr nahe liegende Frage zu stottern anfing – und seine Ambition nach dieser peinlichen Szene sogleich wieder beerdigen konnte. Und ich war gerade zu Gast auf dem Harvard-Campus gewesen, als all die Professoren, die in der Kennedy-School auf den Ruf nach Washington warteten, uns erklärten, warum der Demokrat Michael Dukakis der nächste Präsident werde – es wurde dann George Bush I.

In all diese Auswahlprozeduren mit ihren höchst unterschiedlichen Vorwahlsystemen spielen so viele Zufälligkeiten und Willkürlichkeiten hinein, dass man – aus europäischer Sicht – nicht von einem streng „professionellen“ Rekrutierungsverfahren reden kann.

Aber so sind eben die Vereinigten Staaten, schon seitdem Alexis de Tocqueville sie irritiert bewunderte und beschrieb: ein Land der denkbar größten Gegensätze – zwischen hehren Grund- und Glaubenssätzen sowie einer rüden Praxis, zwischen einer beispielhaften demokratischen Zivilität und primitivem Machtkampf, zwischen ausgeprägtem Rechtsbewusstsein und einem höchst anfechtbaren Rechtssystem (die weithin immer noch vollzogene Todesstrafe eingeschlossen). Man könnte die Liste dieser Konfrontationen lange fortsetzen, bis hin zum dem Kontrast zwischen einer subtilen Kultur und scharfen Gesellschaftskritik einerseits und einer verblüffend naiven Selbstzufriedenheit im Trivialen andererseits. Und doch: welche Dynamik – bedenklich unbedenklich!

Unsere westeuropäischen Gesellschaften kommen mir angesichts dieser immer noch fließenden Lava vor wie erkaltete, zur Ruhe gekommene Vulkane – sicherlich: berechenbar, durchgestaltet und –verwaltet, aber eben auch alt. Das Phänomen Barack Obama, unberechenbar, wie es vorerst bleibt, ist für mich nur ein Ausschnitt aus dieser erstaunlich unfixierten Realität. Amerika, du hast es besser? Jedenfalls anders, sehr anders.

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