LEICHTS Sinn : Namen sind Schall und Rauch Wie der Zeitgeist Helden findet und stürzt

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Straßennamen sind Zeugnisse des Zeitgeistes und Ausdruck der jeweiligen Political Correctness – heute hui, morgen pfui. Und immer wieder stolpern die Vertreter der politischen Korrektheit über ihre eigenen Füße.

Auch in Berlin konnte man für diese Beobachtung die schönsten Beweise finden. Der Antrag des Kunsthändlers Bernd Schultz, doch mit einem Straßennahmen an James Simon, den Mäzen aus der Kaiserzeit, zu erinnern, wurde lange abgeschmettert mit dem Hinweis, erst einmal müssten genügend viele Frauen in Straßennamen verewigt werden; man hat sich inzwischen eines Besseren besonnen, vielleicht weil die Stadt und das Land ihm die nach Mitte zurückgezogene Nofretete verdanken – ist ja auch eine Form der Frauenförderung. Aber ich selber bin (gemeinsam mit Heiner Geißler) mit der Initiative gescheitert, an das erste prominente Todes-Opfer der Weimarer Republik, an Matthias Erzberger endlich durch eine Straßenbenennung zu erinnern. Auch uns wurde dasselbe „feministische“ Proporzargument entgegengehalten, was aber die Stadt nicht daran gehindert hat, unterdessen eine Straße nach Rudi Dutschke zu benennen.

Die Sache kommt mir wieder in den Sinn, weil nun die Stadt München ähnliche Bocksprünge des Zeitgeistes veranstaltet. Die Landeskirche hatte ihren Sitz bisher in der Münchner Meiserstraße, die an den vormaligen Landesbischof Hans Meiser erinnerte, der von 1933 bis 1955 amtiert hatte. Meiser hatte in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Tat fatale antisemitische Äußerungen getan, in der Zeit des Dritten Reiches aber so einigermaßen amtiert, ohne einerseits zur Bekennenden Kirche zu tendieren, ohne andererseits dem NS-Regime gefällig geworden zu sein. Er hatte sogar wider den Stachel gelöckt, war auch eine Weile festgesetzt worden. Seit einigen Jahren aber gilt der Name Hans Meiser der Münchner Stadtverwaltung nicht mehr als politisch korrekt, weshalb sie beschlossen hat, diese Straße anders zu benennen.

Wie wäre es, wenn man die gratis nachgeholte Selbstgerechtigkeit auf die Spitze triebe und gleichzeitig auch alle jene Namensgeber aus dem Stadtbild beseitigte, die sich vormals einmal ähnlich tadelnswert geäußert haben, das gäbe ein schönes Konjunkturprogramm für die Schilderindustrie? Absurd wird der Vorgang aber, wenn man sieht, nach wem auf kirchlichen Vorschlag die Straße künftig benannt werden wird: nämlich nach Katharina von Bora, der Ehefrau Martin Luthers. Das klingt zwar so recht feministisch-zeitgeistig korrekt. Aber Katharinas antijüdische Einstellung ging offenbar selbst dem Reformator zu weit – und schon der war nach ungewöhnlichen judenfreundlichen Schriften doch der Juden Feind geworden, weil sie nicht mit fliegenden Fahnen zu seiner neuen Kirche übergelaufen sind. Jedenfalls schreibt Luther am 1. Februar 1546 „seiner herzlieben Hausfrauen Katharin“ von einer selbst verschuldeten Ohnmacht mit einigem Spott in der Tinte: „Aber wenn du wärst da gewesen, so hättest du gesagt, es wäre der Juden oder ihre Gottes Schuld gewesen.“

Bevor man aber auf den Gedanken verfällt, nun auch noch alle Luther-Straßen und -Kirchen umzutaufen, sollte man künftig mit dem santo subito, der schnellen Erhebung zu den Altären der Straßenräder vorsichtiger umgehen, und – wann immer es geht – mit den Zwiespältigkeiten der Vergangenheit kritisch, aber nachsichtig umgehen. Wir selber werden uns vor den Augen der späteren Generationen noch genug blamieren.

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