LEICHTS Sinn : Rekord ist Mord

Doping sei strafwürdig, weil gesundheitsschädlich. Aber was, bitte, ist der Rekordsport selbst? Warum Hochleistungssport unmenschlich ist.

Robert Leicht

Die wochenlange Doping-Debatte hat mich sehr verwundert. Nicht, dass ich etwas für die Betrüger übrig hätte oder gar zu dem zynischen Standpunkt neigte: Wenn die Welt schon betrogen sein will – dann betrügt sie halt gleichmäßig; gleiches Doping für alle wäre ja auch ein Mittel, die gleichen Startvoraussetzungen zu wahren. Ich lache nicht bloß über die Illusion, man könne beides zugleich haben: Rekordsport und Ehrlichkeit, sondern meine Kritik richtet sich gegen den Rekordsport als solchen.

Doping sei strafwürdig, weil gesundheitsschädlich. Aber was, bitte, ist der Rekordsport selbst? Zugegeben, ich war und bin selbst kein Sport-Ass: 13,2 auf 100 Meter im Abitur, das war’s auch schon. Das bisschen Sport, das mich interessiert, betreibe ich schon selbst – anderen tagelang dabei zuschauen, das reizt mich nicht. Aber was ich begriffen zu haben glaube, ist dieses: Sport dient im besten Falle der Heranbildung und Bewahrung einer vielseitigen und dabei ausgeglichenen Persönlichkeit – mental, körperlich, charakterlich. Mens sana in corpore sano – körperliche und geistige, ja seelische Gesundheit bedingen und begünstigen einander.

Das ist ja auch das Kennzeichen des wahren Amateurs, also Liebhabers: Nicht so sehr, dass er kein Geld nimmt, sondern dass er die jeweilige Sache aus Spaß an der Freud’ betreibt, mit Leidenschaft, aber zugleich mit spielerisch überlegener Distanz, zu sich selber nicht zuletzt. Mit denselben Kriterien könnte man auch den wahren Gentleman beschreiben.

Lebensläufe reduziert auf Hundertstel Sekunden

Doch der Rekordsport spottet dem allen Hohn. Was ist denn das für ein Leben, in dem kleine Kinder in der Hochleistungsgymnastik gebeugt und gedehnt werden, dass sich die Balken biegen würden? Was ist das für ein Leben, in dem Menschen stunden-, wochen-, monate-, jahrelang immer wieder verbissen auf ein und dieselbe eng begrenzte Fertigkeit getrimmt werden? Was ist das für ein Leben, das aus fast nichts anderem besteht, als Millionen Mal optimiert auf einen Tennisball zu dreschen – ohne musischen und geistigen Ausgleich, ohne Wichtigeres? Kugelstoßen, immer nur Kugelstoßen – Jahr um Jahr: Eine langjährige Freiheitsstrafe würde ich solcher Hölle allemal vorziehen!

Nein, diese Art von Rekordsport, in der ganze Lebensläufe auf den Vorsprung von Hundertstel Sekunden reduziert werden – das ist die wahre Körper- und Geistesverletzung, zu der das Doping nur noch als sichtbare und heuchlerisch zu beklagende Spitze hinzutritt, als letztes Instrument einer durch und durch verfehlten Sache.

Ein fröhlicher Wettbewerb im Sport, verbunden mit Fairness und Humor – prima! Aber maßlose Rekordsucht um der nur noch nano-technologisch zu messenden Rekorde willen – und Rekorde zur Befriedigung der Sensationsgier und zur kommerziellen Ausbeutung dieses Kitzels, dies alles hat mit humanistischer Kultur nichts mehr zu tun.

Weltfremd, so zu reden? Wollten uns Manager erzählen, sie müssten die Gewinnmargen schon deshalb immer steiler nach oben treiben, weil sonst doch nur der Wettbewerber die Nase wieder vorne habe, das Gesetz des Kapitalismus sei nun einmal das rücksichtslose Ausquetschen der Ressourcen und Reserven (und Menschen), dann würden wir ihn sofort für einen unmenschlichen Ausbeuter und einen borniert einseitigen Idioten halten. Weshalb lassen wir aber dieselbe pathologische Fixierung auf den immer geringeren Grenznutzen ausgerechnet im Rekordsport widerspruchslos gelten – im Sport, der doch die schönste Sache der Welt sein soll?

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