LEICHTS Sinn : Unsere Fahne hoch …

… aber die Reihen, bitte, nicht dicht geschlossen. Eigentlich ist ja alles harmlos, das Flaggezeigen wie der Fußball – und die Freude an beidem. Aber offenbar spielt das Massenerlebnis eine urgewaltige Rolle dabei.

Robert Leicht

Wie schnell doch das Ungewöhnliche zum Normalen wird! Als vor zwei Jahren bei der Fußball-Weltmeisterschaft hierzulande erstmals massenhaft die deutsche Trikolore schwarz- rot-gold geflaggt wurde, sorgte das bei vielen für Besorgnisse wegen Nationalismus. Ich war damals anderer Ansicht gewesen und fand es gut – erstens, dass unsere Rechtsextremisten mit ihrer „Reichskriegsflagge“ (schwarz- weiß-rot) schon rein optisch untergingen, und zweitens, dass erstmals in unserer Geschichte das republikanisch-freiheitliche Schwarz-Rot-Gold zum beherrschenden Symbol wurde, das noch gegen die Weimarer Republik als „schwarz-rot-mostrich“ verhöhnt worden war. Besonders gefiel mir damals einer der wenigen ironischen Sätze von Bundespräsident Köhler: Er finde es schön, dass jetzt nicht nur er mit dem nationalen Stander herumfahren müsse. Woraufhin ich aus rein politischen Gründen ebenfalls für eine Weile den Stander geführt habe.

Doch in diesem Jahr regt sich niemand mehr auf über das deutsche Fahnenmeer. (Es hat sich freilich auch noch nie jemand darüber aufgeregt, dass die deutsche Nationalelf seit der Gründung des DFB im Jahr 1900 unter Wilhelm II. in den Farben des längst untergegangenen Preußens, teils problematischen Gedenkens, spielt.)Vielleicht kommt es ja einmal so weit, dass die Leute sich ein Vorbild an den Dänen nehmen, die das ganze Jahr über den Danebrog vor dem Haus wehen haben – bei der Rückkehr von dort nach Deutschland fiel einem bisher eine gewisse Kahlheit der Farbgebung auf, bis man kapierte: Es fehlen ja die Fahnen! Nun lebe eben die Fahne der Republik, auch wenn das republikanische Bewusstsein da und dort zu wünschen übrig lässt.

Das Flaggenritual ist diesmal also nicht neu – wohl aber der deutlich steigende Trend zum Public Viewing. Selbst eine so leidenschaftslose Institution wie die Hamburger Justiz veranstaltet dieses Jahr derlei zum Halbfinale – im Gerichtsgebäude, intern natürlich nur. Lieferte bisher das Fernsehen nur die Illusion ins Haus, unmittelbar dabei zu sein (und manches sogar genauer zu sehen als der Stadionbesucher), verschafft nun das Public Viewing den Zeitgenossen die doppelte Illusion – erstens unmittelbar dabei zu sein sowie zweitens das Massenerlebnis der kollektiven Teilnahme wie in der Arena selber, so dass das kombinierte Surrogat dem „echten“ Stadionbesuch schon viel näher kommt. Ein echtes Massenerlebnis gibt es eben nur in der Masse!

Und hier setzen meine besorgten Fragen an. Eigentlich ist ja alles harmlos, das Flaggezeigen wie der Fußball – und die Freude an beidem. Aber offenbar spielt das Massenerlebnis pur, das Eintauchen in die Masse, eine urgewaltige Rolle dabei. Es scheint geradezu ein archaisches Bedürfnis des Menschen zu sein. Das nämlich ist die oft verdrängte Dimension in der Definition des Aristoteles, der Mensch sei ein zoon politikon, ein Gemeinschaftswesen. Er ist es eben nicht nur in Hinsicht auf verstandesmäßig regierte Politik, sondern zunächst in der Tendenz – etwa gar auch in der Notwendigkeit? – hin zum Kollektiv. Nicht, dass ich mich selber davon völlig frei fühlte. Deshalb gefallen mir zum Beispiel bestimmte Veranstaltungen der an sich löblichen Kirchentage genau in dem Augenblick nicht mehr, wo ich spüre, dass die ja leicht manipulierbare Atmosphäre beginnt, mich selber mitzureißen und um den Verstand zu bringen.

Seien wir also froh, solange dieses in uns allen schlummernde Bedürfnis nach kollektiver Identifikation auf harmlose Anlässe abgeleitet wird und die Politik sich seiner nicht zynisch-populistisch bedient. Und nun überlege ich noch, ob ich nicht wenigstens für die letzte EM-Woche meinen Stander wieder an die Autoantenne binde.

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