Leichts Sinn : Verwirrung der Geister

In einem Satz: Wer für "Pro Reli" ist, der ist für mehr, wer sich zu den "Christen für Ethik" rechnet, will weniger Freiheit.

Robert Leicht

Es wäre ein Wunder, wenn Protestanten überall einer Meinung wären. Insofern braucht man sich nicht zu wundern, dass es selbst im Schoß der evangelischen Kirche eine Minderheit gibt, die gegen das Volksbegehren „Pro Reli“ eintritt – und zwar unter der Überschrift „Christen pro Ethik“. Dass die Geister wehen, wo sie wollen, entlastet aber nicht von der Aufgabe, die Geister zu unterscheiden und zu klären, wer wessen Geistes Kind ist.

Im Kern geht es um die Frage: Gehört es zu den Grundrechten der Schüler (und deren Eltern), frei zu wählen, wie sie im Rahmen der umfassenden Bildung an öffentlichen Schulen in den ersten und letzten Fragen der menschlichen Existenz unterrichtet werden wollen? Wollen sie also aufgrund freier Wahl an einem Religionsunterricht teilnehmen oder sich für einen anderen Unterricht über die Fragen existentieller Orientierung entscheiden? Außerdem: Hat der Staat überhaupt ein Recht dazu, in diese Wahl einzugreifen, ja, sie ganz zu verhindern?

Vergleicht man die beiden Initiativen unter dem leitenden Gesichtspunkt der Freiheit, dann schneidet die Gruppe „Christen für Ethik“ ganz einfach schlecht ab. Auf den ersten Blick mag ihr Argument noch wohlfeil klingen, man müsse um der Integration willen die Kinder aller religiösen Bekenntnisse (und die aus freien Stücken religionslosen Kinder) zwangsweise in einen staatlich verordneten Werte- oder Ethik unterricht stecken. Das Argument ist aber sowohl schwach als auch unzulässig.

Zum Ersten: Die Integration in unsere Zivilgesellschaft findet, soweit die Schule daran beteiligt ist, im gesamten Unterrichtsgeschehen statt, nicht zuletzt in den Fächern Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde – ja, auch im Sport; der Ethikunterricht wäre hemmungslos überfordert, wenn er leisten müsste, was sonst nirgendwo geleistet wird. Aber, dies zum Zweiten, gerade die Fragen des weltanschaulichen Bekenntnisses, das müssten zumindest die Theologen unter den „Christen für Ethik“ wissen, entziehen sich sowohl der staatsnützlichen Verzweckung als auch dem staatlichen Oktroi, jedenfalls in einem freiheitlichen Staat.

Wenn also der evangelische Pfarrer Stephan Frielinghaus verkündet, er wolle nicht, dass ein katholisches Kind über Abtreibung nur etwas im katholischen Religionsunterricht erfährt, muss er sich dreierlei fragen lassen. Erstens: Woher weiß er, dass dieses Kind weder dort noch anderswo auch andere Standpunkte kennenlernt? Zweitens: Woher nimmt er die Anmaßung, vorschreiben zu wollen, was ein katholisches Kind nicht hören darf? Und drittens: Woher nimmt er als Protestant das Recht, Katholiken vorschreiben zu wollen, was sie in ihrer Kirche glauben dürfen? (Und das frage ich als Protestant, der in vielen Fragen anders optiert als die römisch-katholische Kirche.)

Damit sind wir aber beim Hauptpunkt – dem Freiheitsverständnis! „Pro Reli“ will die Wahlfreiheit erweitern, ja eigentlich erst herstellen. Wer sich für „Pro Reli“ ausspricht, beschneidet ja niemandem sein gutes Recht, sich weiterhin für den allgemeinen Ethik unterricht zu entscheiden, möchte aber die Entscheidung für den Religionsunterricht als ein Wahl(!) Pflichtfach öffnen. Die „Christen für Ethik“ aber wollen genau diese Freiheit blockieren.

In einem Satz: Wer für „Pro Reli“ ist, der ist für mehr, wer sich zu den „Christen für Ethik“ rechnet, will weniger Freiheit. Dass der Berliner Senat genauso denkt, ist schlimm genug – dass ausgerechnet einige protestantische Christen es ihm gleichtun, das ist in der evangelischen „Kirche der Freiheit“ und unter Luthers Formel von der „Freiheit eines Christenmenschen“ außerdem ein Treppenwitz; und ein Zeichen für die Verwirrung der Geister.

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