LEICHTS Sinn : Das Phänomen Guttenberg …

… ist einfach zu erklären: Schaut ihn euch an! Wie ein Politiker, den vor einem halben Jahr kaum jemand kannte, zu einem der populärsten der Republik wurde. Ein Lehrstück.

Robert Leicht

Die politische Klasse in Deutschland steht vor einem Rätsel. Es trägt den Namen Guttenberg, und es lautet: Wie kann es zugehen, dass jemand, den vor einem halben Jahr kaum jemand kannte, jetzt zu den populärsten Politikern der Republik zählt, nach Angela Merkel und vor Peer Steinbrück? Ein Lehrstück, in der Tat.

Für ein politisches Urteil über den Wirtschaftsminister zu Guttenberg ist es natürlich noch zu früh; bei seiner Ernennung am 10. Februar war klar, dass er bis zur Wahl im September keine neuen Projekte stemmen, sondern allenfalls den Platz halten und – wenn es sehr gut geht – bella figura machen könnte. Ging es offenbar! Doch nicht seine wenigen konkreten politischen Entscheidungen sind es, die sein großes Ansehen ausmachen, sondern dies ist zunächst einfach seine Person.

Aber auch mehr seine Person als sein Name. Gewiss, viele bürgerliche Zeitgenossen, die schon beim Stichwort „großbürgerlich“ ihre Stirn in Falten legen, sind zwischen Aversion und Faszination hin- und hergerissen, wenn sie es mit „Adligen“ zu tun bekommen – als ob nicht genau vor 90 Jahren der Adel abgeschafft worden wäre und der Rest nicht nur ein etwas umständlicherer bürgerlicher Name wäre. Im Übrigen hat eine neuere Branche der Geschichtsschreibung, die Adelsforschung, längst erwiesen, dass es in den alten Familien nicht weniger fragwürdige Figuren und in den „nur“ bürgerlichen Kreisen nicht weniger eindrucksvolle Gestalten gab als anderswo, auch zwischen 1933 und 1945. Das „von und zu“ mag wohl etwas zusätzliche Anfangs-Aufmerksamkeit verschaffen, aber auch ein klangvoller Name kann heutzutage aus einer Niete keine Zierde machen.

Man muss sich also in diesem Fall nicht an den vergangenen Stand, sondern allein an die Person und an deren Habitus halten. Der Habitus kann nun in der Tat auch in einer Familie und ihrem heutigen Selbst- und Pflichtbewusstsein geprägt werden – und zwar sehr wohl auch in (klein-)bürgerlichen Familien. Man muss nur den bewegenden Nachruf von Helmut Schmidt auf den 1972 verstorbenen Großvater des Wirtschaftsministers nachlesen, um ein wenig besser zu verstehen, aus welchem „Stall“ der Junior kommt – wobei die mentale Erbfolge durchaus auch einmal schiefgehen kann: „Er war führendes Mitglied der CSU, aber Parteisolidarität hat ihn nicht daran gehindert, gelegentlich sehr hart gegen seinen Parteivorsitzenden Strauß Stellung zu beziehen, er blieb handfest und mannhaft bis hin zu einem ihm drohenden Parteiausschluss, aber er trieb es nicht dahin, dass er als Anführer einer Fronde hätte bezeichnet werden können. Er war ein Mann von festen Überzeugungen; und er konnte auch seine politischen Gegner zum Nachdenken zwingen.“

Allein der Habitus eines einigermaßen form- und selbstsicheren – und gerade deswegen nicht übertriebenen – Auftretens und schon erste Hinweise darauf, der Mann könnte es sagen, wenn der Kaiser nackt ist (und das ohne bürokratisiertes Politchinesisch), wirken erfrischend und anziehend, selbst in ideologisch oder gesellschaftlich anders orientierten Milieus.

Das eben war der groteske Irrtum der SPD gewesen, die anfangs glaubte, man könne ein Individuum durch einen doppelt klischeeverhafteten Hinweis auf sein Herkommen (Baron aus Bayern, also degeneriert und provinziell zugleich) erledigen. So ist das halt, wenn Funktionäre mit Nichtfunktionären nicht zurechtkommen. Dabei hätte die SPD doch schon an Peer Steinbrück erleben können, wie jemand im Habitus aus dem Funktionärsgrau herausstechen kann. Vielleicht hätte sie doch lieber ihn zum Kanzlerkandidaten machen sollen. Dann brauchte sie sich auch nicht so sehr über Guttenberg zu wundern – und zu ärgern.

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