LEICHTS Sinn : Päpstliche Erfindungen Beide Kirchen sind historische Produkte

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Wer dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch zuhörte und zusah, wie er auf der Fuldaer Bischofskonferenz den jüngsten Papstbesuch einschätzte, konnte die Schwierigkeit spüren, die pflichtgemäße Äußerung allgemeiner Zufriedenheit mit der wahren Wärme der Begeisterung zu unterlegen. Auf der protestantischen Seite hingegen hält die Schockstarre der kindlichen Enttäuschung über das Ausbleiben eines „ökumenischen Gastgeschenks“ an. Welch illusionäre Erwartung! Bei „Staatsbesuchen“ dieser Art wird doch alles vorher minutiös abgesprochen, niemand geht da spontan über seine roten Linien hinaus. Weshalb also sollten die Protestanten einen Flunsch ziehen?

Viel eher sollten sie sich energisch mit der herausfordernden Begründung auseinandersetzen, mit der der Papst ein solches Gastgeschenk verweigerte: „Ein selbst gemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln.“ Dieses Argument ist wie folgt zu übersetzen: „Nur wir als römisch-katholische Kirche vertreten den wahren Glauben und sind die wahre Kirche. Wir können euch nicht entgegenkommen, ohne unseren eigenen Anspruch aufzugeben.“ Und: „Wenn ihr eine wahre Ökumene wollt, braucht ihr nur zu uns zu kommen.“ Genauso ist dies in allen Dokumenten nachzulesen, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal verfasst hat, am schärfsten in „Dominus Jesus“.

Was dieses Argument aber zur regelrechten Provokation für Protestanten machen muss, ist die darin enthaltene Unterstellung, die „Kirchen“ der Reformation seien im Grunde „selbst gemacht“ – die römisch-katholische Kirche hingegen unantastbar und unveränderlich vom Himmel gefallen. Dabei ist gerade all das, was das Verhältnis zwischen den beiden Kirchen schwierig macht (und für viele auch in der katholischen Kirche selbst), ausgesprochen „selbst gemacht“, also Produkt menschlich gewollter Geschichte, auch kirchlicher Machtgeschichte.

Der Vorrang des römischen Bischofs in der alten Kirche: selbst gemacht. Die „apostolische Sukzession“: eine durchaus „selbst gemachte“ Lehre, noch dazu in vielen Varianten und erst seit dem 12. Jahrhundert zementiert. Der Pflicht-Zölibat für Priester: „selbst gemacht“ im Jahr 1022. Das Unfehlbarkeits-Dogma: „selbst gemacht“ im Jahre 1871.

Es ist also nicht nur eine Provokation, die Reformation als eine reine Verfallsgeschichte darzustellen, wie es Benedikt XVI. bereits in seiner berüchtigten Regensburger Rede getan hatte (über die sich nur die Muslime hörbar ärgerten). Es wäre außerdem nahezu eine unhistorische Anmaßung, die römisch-katholische Kirche als eine über die menschliche Geschichte erhabene Institution darzustellen. Glücklicherweise denken auch in Rom einige anders. Kardinal Walter Kaspar hatte seinem damaligen Kollegen Ratzinger einmal zugerufen: Jerusalem war vor Rom! Er wollte auf die „selbst gemachte“ Geschichte der katholischen Kirche verweisen.

Natürlich gibt es – theologisch gesehen – keine Alternative zur Ökumene. Aber es gibt auch keine Alternative dazu, dass sich sämtliche christlichen Kirchen als Produkte einer weithin selbst gemachten Geschichte verstehen, und dazu, dass sie ihre Zukunft eben auch gemeinsam „ausdenken“ und „aushandeln“ müssen. Just so, wie ja auch schon die alten Glaubensbekenntnisse zwischen höchst kontrovers denkenden Menschen ausgehandelt und erst hernach für verbindlich erklärt wurden. Bis diese Einsicht sich auch an höchster Stelle in Rom durchgesetzt hat, sollten jedenfalls die Protestanten ihre nächste Illusion begraben, nämlich die, sie könnten 2017 mit dem Ratzinger-Papst zusammen den 500. Jahrestag der Reformation feiern. Wehe, sie jammern dann wieder enttäuscht!

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