LEICHTS Sinn : Please, say not you to me! Über unser Verhältnis zum Englischen

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Zur Abwechslung einmal wieder – viel zu selten! – ein Kapitelchen Kulturgeschichte. In diesem Fall über unser Verhältnis zum Englischen und seiner prätentiösen, aber ungekonnten Benutzung. Nein, diesmal nichts zu den krypto-englischen Ansagen des „Teamchefs“ auf den Zügen der Deutschen Bahn. Auch nichts zum Überhandnehmen der Meeting-Points und Service-Points, -Centers etc.pp., mit denen Weltläufigkeit demonstriert werden soll, aber nur hochgestochene Provinzialität bewiesen wird. Einmal abgesehen von den innerörtlichen Wegweisern, auf die man „Centrum“ schreibt, was weder Deutsch ist noch irgendetwas anderes. Aber fangen wir bewusst geschichtlich an.

Was hatten wir seinerzeit gelacht, als man dem schon etwas greisen Bundespräsidenten Lübke übelwollend nachsagte, er habe dem amerikanischen Präsidenten angeboten: „You can say you to me.“ Immerhin war aber in diesem angeblichen Zitat noch das Bewusstsein aufbewahrt, dass es für uns Deutsche zwischen „Sie“ und „du“ einen Unterschied gibt, der nur durch ausdrückliche Entscheidung der beiden Gesprächspartner nivelliert werden kann.

Irgendwie ahnen auch wir Zeitgenossen davon noch etwas, nämlich dann, wenn Staatsmänner sich, kaum dass sie einander kennenlernen, beim Vornamen anreden. Ach wie toll, dass sie einander so gut verstehen, seufzt da die besorgte Volksseele. Welcher Quatsch! Wenn ein Angelsachse einen anderen beim Vornamen anredet, hat dies weder etwas mit Vertrautheit zu tun noch etwas mit einem Duzen.

Regiments- oder Internatskameraden hingegen, die tatsächlich auf engem Fuße stehen, reden einander beim Nachnamen an: „Hey, Leicht – hey, Dahrendorf!“ Der dahingegangene Lord Dahrendorf hat mich, wenn wir uns in England trafen, stets gefragt: „Robert, how are you?“ Ich hätte den größtmöglichen Fauxpas begangen, hätte ich daraus geschlossen, er habe mir damit das Du angeboten und ich solle ihm beim Wiedersehen in Deutschland mit den Worten begrüßen: „Schön, dass du da bist!“

Natürlich hätte er in Hamburg gefragt: „Herr Leicht, wie geht es so?“ Merke: Triffst du in England oder Amerika jemanden, der dich mit Vornamen anredet, betrachte ihn nicht als Duzfreund. Und Politiker, die einander mit Vornamen anreden, sind noch lange nicht miteinander vertraut. Aber darf ich meine Leser denn überhaupt duzen?

Überhaupt das „You“ und das falsch eingeführte Duzen! Wie oft, ja geradezu epidemisch oft liest man Übersetzungen von Interviews oder Büchern, in denen der englischsprachige Sprecher oder Autor angeblich sagt: „Wenn du die falsche Entscheidung triffst, brauchst du dich nicht zu wundern“ – oder so ähnlich. Schlechte Übersetzung in die falsche Vertraulichkeit! Anstelle der vermeintlich direkten Übersetzung „you“ zu „du“ müsste hier als korrekte, kulturell informierte Übertragung, ohne die vermeintlich kumpelhafte Rede, ganz unpersönlich stehen: „Wenn man die falsche Entscheidung trifft, braucht man sich nicht zu wundern.“

Es ist schon so: Bloß die Beherrschung des basalen Vokabulars einer fremden Sprache bringt nicht mehr hervor als der Übersetzungscomputer, an dessen Gestammel du erkennst, pardon: man erkennt, dass man die Zielsprache in etwa kennt, weil man ziemlich genau sagen kann, was da ursprünglich im deutschen Original stand.

Und auch die Beherrschung der Grammatik, ein großer Fortschritt immerhin, reicht nicht aus, die fremde Sprache idiomatisch elegant zu benutzen. Die Kenntnis des kulturellen Hintergrunds erst lässt die Fremdsprache zur nicht mehr fremden Sprache werden. Wie sagte einst Winston Churchill: Das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten sind zwei Länder, die durch eine gemeinsame Sprache voneinander getrennt sind!

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