LEICHTS Sinn : Protestantismus heißt...

...für etwas einzutreten – und das auch in Berlin! Das Volksbegehren "Pro Reli" ist kein Selbstläufer.

Robert Leicht

Wann, ganz generell gefragt, wird ein kritischer Zustand erreicht? Spätestens dann, wenn das an sich Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist. Diese Erfahrung kann man derzeit in Berlin an einem konkreten Beispiel demonstrieren – an der Auseinandersetzung um den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach an öffentlichen Schulen.

Zweierlei müsste dabei eigentlich selbstverständlich sein: zum einen, dass der weltanschaulich neutrale Staat den Bildungswahlanspruch freier Bürger (Eltern und Schüler) in den ersten und letzten Fragen menschlicher Existenz nicht mutwillig beschneidet und wegreglementiert; zum anderen aber, dass das gegen diese Zensur gerichtete Volksbegehren „Pro Reli“ ein Selbstläufer zum Erfolg sein müsste. Beides müsste selbstverständlich sein – die staatliche Gewährleistung der Wahlfreiheit ebenso wie die sozusagen massenhafte bürgerliche Gegenwehr gegen die anmaßende Verweigerung durch den Berliner Senat und die hinter ihm stehende Mehrheit. Weder das eine noch das andere ist aber selbstverständlich.

Übergehen wir für heute die Kritik an der Politik des Senats. Die ist schon oft und überzeugend formuliert worden. Einigermaßen sonderlich finde ich da nur noch, dass prominente Sozialdemokraten, die ganz gegen die hartleibige Haltung des Senats eingestellt sind und sich zugunsten des Religionsunterrichts öffentlich artikulieren könnten, von der örtlichen Parteileitung ins Gebet genommen werden, ob sie denn wirklich gegen Wowereit und Genossen auftreten müssten. Parteiräson gegen Grundrechtsschutz und Gewissensfragen? Nun gut, der SPD ist in jüngster Zeit viel zuzutrauen – jedenfalls dann, wenn, wie üblich, in Grundsatzfragen die Landesverbände selbst entscheiden.

Was mich derzeit mehr interessiert, ist die Mutlosigkeit und Passivität, ja mitunter Indolenz und im Einzelfall regelrechte Verweigerung der protestantischen Basis in Berlin. Kurzfristig geht es um das Volksbegehren und seinen Ausgang, langfristig aber – und darauf kommt es mir am Ende erst recht an – um die innere Verfassung des Protestantismus, jedenfalls in Berlin; und nicht nur nebenbei auch um die des Katholizismus in der Hauptstadt.

Wären die 733 000 Protestanten, die 2007 in Berlin gezählt wurden, zuzüglich der 318 000 Katholiken von ihrer Sache bewegt und überzeugt, müsste das Volksbegehren ein Selbstläufer sein: 170 000 erforderliche Stimmen – das wäre doch gelacht. Nicht, dass ich mich für einen militanten Missionarismus stark machen würde, um Gottes Willen: Nein! Darum darf es beim Religionsunterricht – wie gesagt: beim freiwilligen – auch gar nicht gehen, sondern allein um eine freie, umfassende, kritische und zur mündigen Urteilskraft führende Bildung.

Aber wenn die Protestanten der Hauptstadt nicht nur pro forma registriert, sondern für eine Überzeugung engagiert sein sollten, die ihr Leben prägt, dann müsste ihre Stimmabgabe für das Volksbegehren in der Tat eine Selbstverständlichkeit sein. Sollte es nicht so sein, müssten sich die Kirchenleitungen und an der Sache interessierte Zeitgenossen über noch Ernsteres Gedanken machen als über ein möglicherweise verlorenes Volksbegehren, nämlich über die Frage: Was ist ein institutionelles Gebäude noch wert, in dem kein Geist, jedenfalls kein esprit de corps mehr weht?

Heinrich Heine hatte gespottet, in Berlin könne man ein Christentum ganz ohne Jesus Christus antreffen, wie Mockturtle-Suppe, also Schildkrötensuppe ohne echte Schildkröte darin. Sollte er mit seiner Diagnose eines in der Breite substanzlosen Protestantismus immer noch recht haben?

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