• LEICHTS Sinn: Sage mir, wie du schreibst … … und ich sage dir, wie kultiviert du bist

LEICHTS Sinn : Sage mir, wie du schreibst … … und ich sage dir, wie kultiviert du bist

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Wenn zu viele Leute an zu vielen Stellen gleichzeitig herumreformieren, dann ist dies ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass der Konsens darüber verloren gegangen ist, wozu man was überhaupt tut; siehe die von Land zu Land immer unübersichtlichere Bastelei an unserem Schulwesen. Die neueste groteske Wendung ist nun diese: Hamburgs Schulsenator schafft – schnell vor den Sommerferien – zum kommenden Schuljahr – das verpflichtende Erlernen der Schreibschrift ab.

Wozu, so denkt wohl die Behörde, die Schreibschrift, wenn immer weniger Leute immer weniger handschriftliche Texte schreiben und schon die Kleinsten auf dem Computer herumhacken? Wer Bewerbungsunterlagen zu sichten hat, stößt ja kaum noch auf handschriftlich dargestellte Lebensläufe; oft wird nicht einmal das Bewerbungsschreiben mit einer Unterschrift versehen. Wozu also die Schreibschrift lernen?

So kann man nur fragen, wenn man die Kulturfertigkeiten allein nach ihrer technischen Zweckmäßigkeit beurteilt. Diese Frage auf die Spitze getrieben, müsste man auch fragen: Wozu sollen die Grundschüler überhaupt noch die Druckschrift lernen, wenn sie gleich ihre allerersten Wörter in den Computer tippen können – und dabei lernen zu lesen, was sie da getippt haben? Genauso gut könnte man auf das kleine Einmaleins verzichten und den Kids einen Taschenrechner von Aldi oder Lidl in die Hand drücken. Doch Schreiben und Lesen und Rechnen lernen wir ja nicht nur zu primitiven Zwecken, sondern auch, um unser kulturelles Vorstellungs- und Darstellungsvermögen auszubilden und zu prägen. Sonst könnte man auch fragen: Wozu noch Zeichnen lernen, wenn sowieso jeder eine Pocket-Kamera mit sich herumträgt? Es geht also nicht nur um technische Effektivität, sondern auch um geistige Expressivität. (Übrigens: Selbst wer nur in Effizienzkriterien denkt, müsste schnell begreifen, dass die Schreibschrift gegenüber der in Einzelbuchstaben voranschreitenden Druckschrift sich viel leichter und schneller schreiben lässt.)

Wohl wahr, die alte Methode, über die mit dem Rohrstock durchgesetzte Norm-Schreibschrift der Nation ein kollektives Schriftbild einzuprügeln (so dass man am Ende an einem Brief schon von Weitem erkennen konnte, ob ihn ein Deutscher, ein Franzose oder ein Engländer geschrieben hatte), war unbarmherzig; auf meiner Zwergschule war ich eines der wohl letzten Opfer dieser Rohheit. Doch dass ich im dritten Schuljahr für ein Jahr lang die Sütterlin-Schrift zusätzlich gelehrt bekam, setzt mich bis heute in den Stand, nicht nur die schriftlichen Hinterlassenschaften meiner Urgroßeltern flüssig zu lesen, sondern auch Grundbuch-Einträge aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Es geht also um Kultur und Erinnerung, nicht nur um Technik. Wenn die Abschaffer der Schreibschrift uns einreden wollen, damit würde mehr Zeit für Wichtigeres wie Rechtschreibung frei, kann ich nur lachen. Meine Erfahrung lehrt mich, dass genau die Lehrer, die den Kindern noch die Schreibschrift zeigen, ihnen auch den kulturellen Wert einer gelungenen Rechtschreibung vorleben; ganz abgesehen davon, dass der Übergang von der stockenden Druckschrift in die flüssige Schreibschrift sowieso ein Kinderspiel ist.

Ich hoffe also, dass es auch in Zukunft noch Menschen gibt, die ein Beileidschreiben als Ausdruck persönlicher Zuwendung in Handschrift verfassen können. Oder soll es so weit kommen, wie einst bei jenem bayerischen Notar, bei dem jemand, des Schreibens unkundig, nicht drei, sondern gleich vier Kreuze unter das Dokument setzt und auf Befragen erklärt: Das vierte, das ist mein Doktortitel.

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