LEICHTS Sinn : Wo bleiben die Kerle? Etwas mehr Standhaftigkeit wäre schön

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Ein merkwürdiges Jahr, auf das wir langsam zurückblicken: Da haben wir es mit einer Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise von einigermaßen historischer Brisanz zu tun – gleichzeitig gerät in einer auffälligen Häufung eine ganze Reihe von Politikern ins Straucheln und Stolpern, und zwar über recht mediokre Affären und Verhaltensmuster. Nicht einmal mehr die Skandale haben Format.

Guttenberg fiel gleich zweimal in neun Monaten aus der Rolle eines konservativ-modernen Supermanns, Guido Westerwelle bringt als Außenminister die ganze Republik in der Libyen-Geschichte in Verruf und ist am Ende auch noch stolz darauf, FDP-Generalsekretär Christian Lindner meint, er müsse beim ersten größeren Sturm im

liberalen Wasserglas gleich von der Fahne gehen, der neu-alte FDP-Bundesvorsitzende Philipp Rösler merkt gar nicht, dass es sich in einer Demokratie nicht gehört, in einen laufenden Wahlakt hinein die Wahlberechtigten zu zensieren. Und nun lässt sich auch noch Bundespräsident Christian Wulff auf eine höchst rabulistische Verteidigung seines Privatkredits ein. Was ist los in unserer politischen Klasse, wenn die einen nicht wissen, was sich gehört, die anderen nicht durchschauen und überblicken, was sie tun, wiederum andere die Nerven verlieren, wenn es gilt der Sache die Treue zu halten? Vorbilder allesamt nicht.

Nehmen wir als Kontrastfolie einmal die oft beschworene SPDTroika Brandt-Wehner-Schmidt bis 1973 – andere Beispiele wären möglich: Heiligzusprechen braucht man da niemanden, und zu kritisieren gab es sicherlich vieles – aber das waren gewissermaßen Kerle, die standen. Für eine gemeinsame Sache und für eine sachbezogene (Selbst-)Disziplin. Sie hatten bewiesen, dass sie in Krisen einen kühlen Kopf behalten können. Helmut Schmidt zunächst in der Hamburger Flutkatastrophe, Brandt in den Berlin-Krisen, Wehner in der schmerzhaften Überwindung seiner kommunistischen Vergangenheit.

Sie hatten ein patriotisches und persönliches Einfühlungsvermögen gezeigt – Brandt am Warschauer Denkmal, Schmidt in der Schleyer-Krise, Wehner, wenn er nächtlings Briefe schrieb, um immer wieder Menschen aus Bedrängnissen in der DDR zu helfen. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, einer von diesen dreien hätte seinen Lebens- und Bildungsweg aufgeplustert, nach Titeln oder materiellen Privilegien geschielt. Vor allem aber haben sie jahrelang ihre großen sachlichen und persönlichen Differenzen nicht nach außen gekehrt.

Fehlt es nun prinzipiell an solchen Persönlichkeiten, nur im Augenblick oder haben wir es mit einem Generationsproblem zu tun? Immerhin könnte es sein, dass ein gewisser Ego-Kult (Bring dich ein wie du bist; Kümmere dich um dich selbst), dass eine ziemlich trivialisierte Subjektivität inzwischen das Zurücktreten der eigenen Interessen hinter dem Auftrag, der Befindlichkeit gegenüber den Gegebenheiten, dass eine gewisse Verweichlichung das Durchhalten in rauen Zeiten und das Sichbescheiden mit dem, was einem zusteht und zugänglich ist, als unnötig und unzumutbar erscheinen lässt: Die Verpflichtung weicht den Freiheiten, die man sich eben nimmt.

Keine kulturkritische Pauschalisierung freilich! Das Ärgerliche an der Strecke der Ärgernisse dieses Jahres ist es nämlich gerade, dass ihre öffentliche Erörterung, wie wohl kathartisch dringend nötig, den Eindruck erzeugen könnte: So sind sie doch alle! Und damit verdeckt, dass unvergleichlich mehr Frauen und Männer in den verschiedensten Lebensbereichen – auch gerade in Politik und Verwaltung – tagtäglich eindrucksvoll „ihren Mann“ stehen. Doch über die schreibt halt keiner. Weil es sich im Grunde von selber versteht, verstehen müsste.

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