Leise, still und heimlich : 70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt

70 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt herrscht in Deutschland und Russland Schweigen: Keine gemeinsame Erklärung beider Staaten, kein offizielles Word des Bedauerns.

Sebastian Bickerich

Eine merkwürdige Stille kann man dieser Tage im politischen Berlin und Moskau zu einem der wichtigsten Gedenkereignisse dieses Erinnerungsjahres registrieren: Keine Videobotschaft der Kanzlerin, keine gemeinsame Erklärung beider Staaten, kein offizielles Wort des Bedauerns – dabei war es am 23. August 1939, als Deutsche und Russen Europa endgültig teilten und mit dem Hilter-Stalin-Pakt die Grundlage für Krieg und den Eisernen Vorhang in Mitteleuropa legten.

„Zweierlei Dinge vermögen Menschen zusammenzubringen: Gemeinsame Ideale, gemeinsame Gaunerei“ – wie auch die Vernichtung der Juden hatte Hitler auch die Beweggründe für seinen Pakt mit Stalin schon Jahre zuvor in einer Rede überdeutlich gemacht. Hitler verschaffte sich im Geheimen Zusatzprotokoll freie Hand für den Überfall auf Polen, Stalin sicherte sich Territorien, die vorher nicht zu seinem Reich gehörten: Bessarabien, den größten Teil Ostpolens, die baltischen Republiken und Teile Kareliens, die ursprünglich zu Finnland gehört hatten. Mit den damals erzwungenen Grenzen leben die Völker Ost- und Mitteleuropas noch heute. Dass für viele von ihnen der Krieg erst mit den Ereignissen 1989 wirklich endete, ist ein Faktum, an das sich deutsche Politiker nach dem Fall der Mauer erst gewöhnen mussten. Viele Missverständnisse etwa im Verhältnis zu Polen haben darin ihre Ursache.

Umso befremdlicher erscheint nun das Schweigen in Deutschland – und in Russland. Es beginnt schon damit, dass das damalige Bündnis dort bis heute verharmlosend „Ribbentrop-Molotov-Pakt“ genannt wird – als hätten damals zwei Außenminister Europa geteilt. Es geht weiter mit einer in Russland bis heute andauernden Geschichtsfälschung um den Pakt selbst: 50 Jahre hat es gedauert, bis die damalige Sowjetunion 1989 nach langem Drängen vor allem der baltischen Vertreter im damaligen Parlament überhaupt die Existenz des Zusatzprotokolls anerkannte. Danach gab es keine Aufarbeitung mehr, im Gegenteil: Wer stalinistische Verbrechen zwischen 1939 und 1941 thematisieren will, muss in Medwedews Russland heute mit Strafverfolgung rechnen. Zu derartigen „Geschichtsfälschungen“ zählt der Kreml auch das Bemühen osteuropäischer Abgeordneter im EU-Parlament und der parlamentarischen Versammlung der OSZE, den 23. August zu einem europäischen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus zu machen. Russlands Denken in Einflusszonen bewegt sich bis heute exakt in den Grenzen des Geheimen Zusatzprotokolls.

Dass ausgerechnet die Ostdeutsche Angela Merkel sich kaum für die EU-Integration der Ukraine oder Moldawiens – beide Opfer des Paktes – einsetzt und ihr Amtsvorgänger Schröder über die Köpfe Osteuropas hinweg Energievereinbarungen mit Russland schließt, ist nicht nur historisch, sondern auch politisch bedenklich. Deutschlands und Europas Zukunft hängen von einem freien Mitteleuropa ab – 70 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt müsste das eigentlich eine Binsenweisheit sein.

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