Leistung und Chancen : Bildung als große Einbildung

Nicht den Tüchtigen stehen alle Wege offen, sondern den gut Vernetzten. In den USA zum Beispiel hatte kein Kabinett so viele Ivy-League- und Oxford-Absolventen versammelt wie das erste von Barack Obama. Soll man aus Protest dagegen sein Diplom verbrennen?

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ahr

Nichts fürs Leben lernen sie, sondern für den Markt. Das jedenfalls sagen die Kritiker des Marktes.
Nichts fürs Leben lernen sie, sondern für den Markt. Das jedenfalls sagen die Kritiker des Marktes.Foto: dpa

So lautet die Historie: „Im Jahre 605, ein Jahr, nachdem er seinen Vater umgebracht und selbst die Macht übernommen hatte, errichtete der chinesische Kaiser Yang Guang die erste Leistungsgesellschaft der Geschichte. Er hatte es satt, Verwaltungsposten lediglich auf der Grundlage von Empfehlungsschreiben zu besetzen, und reservierte nun eine Reihe von Posten für Bewerber, die sich in einem neuen System kaiserlicher Prüfungen bewährten. Theoretisch konnte nun jeder Bauer, der sich der Mühe unterzogen hatte, 40 000 Schriftzeichen auswendig zu lernen – also sechs Jahre unter Anleitung eines teuren Lehrers zu studieren –, in die politische Elite des Landes aufsteigen.“

Die Geschichte von der Erfindung der Meritokratie, einer Gesellschaft, in der dem Tüchtigen alle Wege offen stehen, hat vor einiger Zeit „n+1“ erzählt, ein US-Magazin für Kultur und Politik. Das Versprechen, dass alle alles werden dürften, wenn sie nur gut genug sind, überlebte die Jahrhunderte, obwohl ihm immer neue Hürden eingebaut wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts unterzogen sich zwei Millionen Chinesen der Prüfung, aber nur ein Prozent schaffte die erste Runde, alle drei Runden schafften lediglich 200 Kandidaten.

Die Frustrierten des Systems

Das hatte schlimme Folgen: Hong Xiuquan, ein junger Dorfbewohner, der Bester seiner Heimatprovinz geworden war, scheiterte an späteren Prüfungen, weil seine Familie sich die nötige Vorbereitung durch einen Tutor nicht mehr leisten konnte. Nach dem Kontakt mit Missionaren und unter dem Einfluss von Christus-Visionen begann er, zusammen mit anderen Frustrierten des Systems, den „blutigsten Konflikt des 19. Jahrhunderts“, der als Taiping-Aufstand in die Geschichte einging. Bis Hongs Feldzug für ein himmlisches Königreich in China 1864 gestoppt war, mussten 20 Millionen Menschen sterben.

In dem ebenso unterhaltsamen wie bösen Stück („Tod durch Diplome“) im Magazin „n+1“ geht es allerdings nicht ums alte China, sondern um die US-Gegenwart – die in etwas abgemilderter Form auch die deutsche sein könnte. Tatsächlich geht es um den Leistungsbegriff, mit dem die Autoren hart abrechnen: „Leistung ist eine Fiktion, hergestellt von einem Zulassungssystem“. Was im Übrigen nicht nur chinesisches Erbe sei, sondern von jeher auch des westlichen Universitätssystems.

Mangelnde Anerkennung von Bildung

Schon im Mittelalter sei es nicht Hauptaufgabe der Universitäten gewesen, „Wissen zu produzieren, sondern Absolventen“. Und nicht nur dort: Unter Handwerkern hätten verschwenderisch lange Lehrlingsphasen – unter dem Vorwand auszubilden – dem Ziel gedient, die Zahl zünftiger Handwerker gering und ihre Dienstleistungen somit teuer zu halten. – Heutzutage und hierzulande mag das der Generation Praktikum bekannt vorkommen. Erinnert fühlen sich auch ausländische Fachleute, die ihre Fähigkeiten wegen mangelnder Anerkennung noch immer nicht zur Geltung bringen dürfen.

Wie wenig das System höherer Bildung und deren Sozialprestige mit tatsächlichem und notwendigem Wissen zu tun hat, illustriert der Artikel bissig am Beispiel des Obersten Gerichtshofs der USA: Seit 2010 amtierten am Supreme Court erstmals nur noch Absolventen der berühmt-berüchtigten Ivy League der amerikanischer Eliteuniversitäten. In der Politik sei Barack Obama ein Opfer des „Leistungs“-Komplexes, kein Kabinett habe so viele Ivy-League-Leute und Oxford-Absolventen versammelt wie sein erstes. Dabei sei die große Politik doch gar nicht komplex in einem akademischen Sinne, sondern eher „kompliziert“: Sie müsse Konflikte zwischen widerstreitenden Interessen lösen.

Protest! Aber wie?

Was tun gegen das chinesische Mandarinsystem und seine westlichen Ableger? Die Autoren schlagen eine Rückbesinnung auf gewerkschaftliche Traditionen vor – nicht auf ruinöse Selbstoptimierung setzen, um Zugang zum Arbeitsmarkt zu bekommen, sondern auf den gemeinsamen Einsatz dafür.

Auf dem Weg dahin könne auch die ein oder andere spektakuläre Aktion nützlich sein: „Ist es zu viel von der Demokratischen Partei verlangt, dass sie keine Ivy-League-Kandidaten mehr für Ämter in der Bundespolitik aufstellt?“ fragen die Autoren listig. Oder wenn die 42 000 Jahrgangsbesten unter den High-School-Absolventen sich einfach weigerten, aufs College zu gehen? (Wir in Deutschland setzen hier einfach andere Parteien und Bildungsanstalten ein.)

Natürlich könne man auch einfach die eigenen Diplome verbrennen. „Vielleicht würde sich dabei zeigen, dass ein Diplom heller brennt als ein Einberufungsbefehl.“

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