Meinung : Leitartikel: Wenn Alan Greenspan redet

Rainer Hank

Auf Alan Greenspan ist Verlass. Denn er ist ein Zauberer. Aber es ist die Zauberei der Rationalität. Verlässlichkeit ist nicht selbstverständlich. Auf die amerikanische Politik ist nämlich derzeit weniger Verlass. Nicht genug, dass der Ausgang einer Wahl über Wochen unentschieden bleibt, profilierten sich George W. Bush und sein designierter Stellvertreter Dick Cheney jüngst durch die Prophezeiung einer bevorstehenden Rezession. Solche Unsicherheiten mögen die Finanzmärkte gar nicht. Entsprechend trudelnd haben sie in den vergangenen Wochen reagiert.

Aber auf Greenspan ist Verlass. Jetzt gibt es wieder Klarheit. Die Botschaft des amerikanischen Notenbankpräsidenten heißt: Das Risiko einer zu raschen Abkühlung des Konjunkturklimas wiegt derzeit schwerer als eine durch hohe Ölpreise verursachte Gefahr von Inflation. Daraus folgt: Die Phase einer restriktiven Geldpolitik ist vorüber. Ob deswegen die Notenbank bei ihrer nächsten Sitzung die Zinsen schon wieder senken wird, ist damit nicht gesagt. Gleichwohl haben die Märkte diese Nachricht aufatmend zur Kenntnis genommen. Es muss schon lange her sein, dass die Technologiebörsen der New Economy an einem Tag über zehn Prozent dazu gewannen. Greenspan trauen sie zu, dass er die amerikanische Wirtschaft vor einer harten Landung bewahren wird.

Zum Verständnis von Greenspans Zauberkunst kann ein Blick zurück nicht schaden. Am 5. Dezember 1996, vor vier Jahren schon, hat der Fed-Chef das berühmte Wort vom "irrationalen Überschwang" der Aktienmärkte geprägt. In Zeiten, als alle von der New Economy berauscht waren, hat Greenspan, bestimmt kein Miesmacher, auf die Gefahr von Übertreibungen hingewiesen. Wie immer hat er Recht behalten. Gegen Greenspan zu wetten war noch nie ein guter Rat: Zwischen 1994 und 2000 ist der Wert der amerikanischen Aktienmärkte um 11 000 Milliarden Dollar gewachsen. Das ist mehr als das jährliche Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten. Eine derartige Explosion der Aktienmärkte gab es noch nie.

Sicher, dieser virtuelle Reichtum hat viel zum Boom der 90er Jahre beigetragen. Reich sein muss man nicht - es reicht schon, sich reich zu fühlen. Mit einem strammen Aktiendepot im Rücken geben die Menschen Geld aus, sogar auf Pump, wenn es sein muss. Dieser Mechanismus ist das Geheimnis eines ungewöhnlich lang anhaltenden Aufschwungs. Zugleich wurde dieses Wachstum von den Prdoduktivitätsgewinnen der New Economy durch Computer und Internet ermöglicht. Doch ändert das nichts daran, dass die Märkte zum Schluss über die Stränge geschlagen haben. Wenn die Nachfrage stärker ist, als es das Wachstumspotenzial hergibt, kann Überhitzung leicht in die Krise führen. Auch das hat der Zauberer vorhergesehen. Die letzte Zinserhöhung Mitte des Jahres zeigt heute die erwünschte Wirkung: Ein Wachstum von fünf Prozent wurde auf knapp die Hälfte gebremst.

Jetzt geht es darum, Übertreibung in Nachhaltigkeit zu überführen. Nachhaltigkeit ist denn auch der zentrale Begriff in Greenspans aktueller Rede. Die Voraussetzung dafür ist, dass Märkte und Anleger Vertrauen zurückgewinnen. Denn so, wie virtueller Reichtum angesichts der Börsengewinne zu irrationalen Übertreibungen der Investoren und Verbraucher führte, könnte aus virtueller Verarmung das Gegenteil folgen: ein abruptes Ende von Investition und Konsum. Das wäre desaströs. Alles hängt deshalb davon ab, dass der Übergang jetzt gleitend vor sich geht. Dann aber kann Amerika die Früchte der New Economy ernten.

Amerikanische Probleme? Weit gefehlt. Wer das sagt, hat von Globalisierung nichts begriffen. Eine harte Landung der US-Wirtschaft würde ohne Verzögerung auch Europa treffen. Entsprechend erleichtert haben Europas Börsen auf die Rede Greenspans reagiert. Mehr noch: Gelingt Amerika die sanfte Landung, sind die Aussichten gut, dass Europa im Zuge eines nachholenden Aufschwungs von den positiven Effekten der New Economy und der Internet-Revolution profitieren wird. Dass es am Ende so kommen wird, steht nicht in der Macht des Zauberers. Greenspan bürgt nur dafür, dass es so kommen könnte. Den Rest verantworten die Europäer.

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