Meinung : Leitkultur-Debatte: Leitartikel: Was kommt nach Multikulti?

Stefan Reinecke

Es war einmal die schöne Welt von Multikulti. Eine lichte, sonnige Idee, in der die verschiedensten Ethnien freundlich miteinander auskommen sollten. Multikulti, das klang nach einem niedlichen, immerwährenden Straßenfest. Doch spätestens wenn der Türke von nebenan Sonntagsmorgens um acht seinen Opel-Kadett-Motor auf Vordermann brachte, war Schluss damit. Multikulti war eine Antwort auf die ganz normale Ausgrenzung von Ausländern: gutgemeint und alltagsfern.

Auch die Grünen haben sich nun davon verabschiedet - im falschen Moment. Nun sieht es so aus, als hätte ausgerechnet die christdemokratische "Leitkultur" gewonnen - mangels Gegner. Außerdem: Wenn man Multikulti einmottet, braucht man einen neuen, besseren Schlüsselbegriff. Sonst gilt: besser das alte Unzureichende als gar nichts.

Trotzdem: Vielleicht wird man nach der Leitkultur- und Multikulti-Debatte, vernünftiger als früher über Integration und Einwanderung reden können. Die Union, die jahrzehntelang das Offenkundige leugnete, ist dabei zu akzeptieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Das "Leitkultur"-Gedonner ist für sie vielleicht so etwas wie ein Betäubungsmittel, um den ideologischen Phantomschmerz zu lindern, den diese Erkenntnis mit sich bringt.

Zudem bevölkert, seit der Greencard-Debatte, eine neue Figur die Szene: der Migrant, den wir brauchen. Die deutsche Gesellschaft gesteht sich ein, dass ihr etwas fehlt, dass Einwanderer nötig sind. Und ohne dieses Bewusstsein kann auch Integration nicht gelingen.

Zu geglückter Integration gehört zweierlei: eine Mehrheitskultur, die die Integration der Minderheit will, und Migranten, die Teil der Mehrheit werden wollen. Hierzulande fehlt es an beidem. Die Mehrheit findet zum Beispiel türkische Deutsche, die in beiden Kulturen zu Hause sind, kaum selbstverständlich. Eine double bind Situation: Die Mehrheit fordert von der Minderheit endlich Teil der deutschen Kultur zu werden - aber wer das tut, wird bestaunt wie ein buntes Tier. Andererseits tun viele Einwanderer hierzulande wenig für Integration - vor allem ihrer Kinder. Deshalb reden viele Migranten-Kinder so schlecht deutsch. Und damit fehlt ihnen die Eintrittskarte, um überhaupt mitzuspielen.

Sind also die Migranten-Eltern schuld? Ja - aber es ist natürlich viel komplizierter. Denn das klassische US-Modell - Leute wandern ein, damit es ihre Kinder mal besser haben - galt hierzulande von beiden Seiten nicht. Die Migrantenkinder sollten es ja lange nicht hier besser haben, sondern in der Heimat. Die Migranten in Deutschland waren lange Einwanderer wider Willen. Diese "Gastarbeiter"-Illusion ist, obwohl schon lange verabschiedet, noch immer der prägende, fortwirkende Geburtsfehler der Einwanderung in Deutschland.

Wie schwer sich Deutsche noch immer mit Migranten tun, zeigte kürzlich eine Diskussion zwischen Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) und Bassam Tibi. Tibi, Deutscher syrischer Herkunft, erzählte, dass seine Einbürgerung in den 70ern fünf lange Jahre dauerte. Er hatte seine Dissertation geschrieben, trotzdem musste er seine Deutschkenntnisse nachweisen und ein Diktat schreiben - aus der "Bild-Zeitung". Keine schlimme Geschichte, eher eine Anekdote. Doch solche kleinen, ganz gewöhnlichen Demütigungen kennen viele Migranten. Schönbohm antwortete: "Damals waren wir nicht an der Regierung."

Das war die Weigerung, das deutsche Verhalten auch mal von außen anzuschauen. Dabei geht es keineswegs darum, in Sack und Asche zu gehen oder sich gar den Blick der anderen zu eigen zu machen. Sondern darum, den Blick der Migranten gelten zu lassen und nicht bloß abzuwehren. Auch das gehört zur Integration: dass die Mehrheit die Wahrnehmung der Minderheit wahrnimmt. Das fällt den Deutschen schwer, noch immer.

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