Meinung : Lektion Leben

Berichterstattung zu Easy Abi vom Juni

Die Betrügerei von „Easy Abi“ ist skandalös und muss hart bestraft werden. Ich bin selbst Geschädigter, aber ich frage mich, ob das tiefere und langfristigere Problem nicht eine völlig unmäßige und überzogene Erwartungshaltung der Abiturienten selbst ist. Muss es, um diesen wichtigen Moment im Leben zu begehen, wirklich eine Feier in einem Vier- oder Fünf-Sterne-Hotel sein? Muss man sich an der Schwelle zum Erwachsenenleben schon gerieren, als hätte man ein langes Berufsleben hinter sich und einen Wohlstand erarbeitet, den man so zur Schau stellen muss? Mir wäre es deutlich lieber und sympathischer, wenn mehr Abiturfeiern mit eigener Kreativität und Gemeinsinn von den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern selbst organisiert würden – in der Turnhalle oder Aula, mit der Schulband und mit einem Buffet, zu dem alle gemeinsam beigetragen haben. Der Abend könnte genauso schön sein oder noch schöner als eine Megaparty aus der Agentur-Retorte. Eine Tombola für einen guten Zweck könnte das Fest abrunden. Wenn ich nun im Tagesspiegel lese, dass Schülerinnen und Schüler auf dem Alexanderplatz mit Büchsen um Geld für ihre Deluxe-Feier bitten, frage ich mich, ob diese Schüler auch auf die Straße gehen würden, um für Kinder und Jugendliche in Entwicklungsländern zu sammeln, denen bisher die Möglichkeit einer langjährigen Schulbildung versagt bleibt. Die Abiturienten von heute und morgen sollten nun diskutieren, ob sie nicht schönere, angemessenere und weniger selbstbezogene Formen finden, ihren Schulabschluss zu begehen.

Christian Schwägerl,

Berlin-Wilmersdorf

Keine Frage: Der „Easy Abi“-Betrug ist ärgerlich, kriminell und muss geahndet werden. Mein Mitgefühl mit den Betroffenen hält sich aber in Grenzen. Hier haben sich – gesellschaftstypisch – Bequemlichkeit, Finanzkraft und überzogene (Event-)Ansprüche miteinander verknüpft und ließen die feierfreudigen Abiturklassen der geschäftstüchtigen Verlockung, „Easy“(!) einen Topgenuss einkaufen zu können, auf den Leim gehen. Soll heißen: Bei langfristiger Planung und Aufgabenverteilung innerhalb eines Teams ließen sich ein Saal und ein DJ wohl organisieren – aber halt nicht erst im letzten Abi-Stress und nicht wieder nur durch die paar sozialen „Doofen“. Eine, wenn auch solvente, Eltern- und Schülerschaft könnte ihre gesellschaftsüblichen Eventansprüche beiseite lassen, auf ein mehrgängiges Menü verzichten und sich mit einem wunderbar vielfältigen Büfett bescheiden, das durch die Beteiligung aller zustande kam – es soll Klassen geben, denen das gelungen ist ... Aber sehen wir das Skandälchen positiv: „Easy Life ist nicht so light“ wäre vielleicht ein guter Lerneffekt.

Herwig Böhm-Ludin, Berlin-Steglitz

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde über die geprellten Privatanleger diverser Banken berichtet. Die Anlegerverbände schlugen Alarm, der Banker war Inbegriff des Bösen, und jedes betrogene Bankenopfer konnte sich der beinahe grenzenlosen Solidarität seiner Mitmenschen gewiss sein. Niemand wäre auf die Idee gekommen Oma Müller zu belehren, sie hätte ihr Erspartes besser unter dem Kopfkissen verwahrt, niemand hätte ihr Dummheit oder sogar eigene Schuld vorgeworfen. Nun sehen sich die Schüler der geprellten Gymnasien aber genau solchen Behauptungen ausgesetzt. Anspruchsdenken, Dekadenz, Unreife und Unfähigkeit, selbst den Abi-Ball zu organisieren werden ihnen unterstellt. Kaum einer regt sich über den Betrug auf, nur selten kann man Worte des Bedauerns lesen, dass der Tag der Tage – immerhin geht die seit 13 Jahren das tägliche Leben prägende Schulzeit zu Ende – nicht wie geplant stattfinden wird. Dafür ereifern sich aber viele Kommentatoren über die Konsumhaltung der heutigen Schüler, über das vermeintliche Nacheifern US-amerikanischer Gepflogenheiten, über die angebliche Selbstbeweihräucherung der unreifen Schulabgänger. Warum kann man nicht einfach hinnehmen, dass sich die Zeiten ändern? Warum kann man offensichtlich nicht akzeptieren, dass sich der Anspruch an den Abi-Ball verändert hat? Ob die Schüler nun mit belegten Brötchen in der Aula, oder mit Frack und Fliege im Maritim feiern möchten, ist einzig und allein deren Entscheidung. Ich wäre seinerzeit froh gewesen, es hätte sich jemand professionell um die Organisation gekümmert, so wäre mir viel Zeit geblieben, mich stärker aufs Lernen zu konzentrieren – ein Aspekt, der auch gerne vergessen wird, schließlich steht der Schulabschluss im Vordergrund. Es ist schon erschreckend, dass sich junge Menschen, die vermutlich erstmals einem Betrug aufgesessen sind, auch noch von Besserwissern verhöhnen lassen müssen.

Philipp Becker, Frankfurt am Main

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