Leopoldina : Der kluge Ort

Warum die Leopoldina in Halle Nationale Akademie werden muss. 2008 wird die Nationale Akademie ins Leben gerufen

Uwe Schlicht

Annette Schavan hat endlich das getan, was man von einer Bundeswissenschaftsministerin erwartet: Sie hat die Leopoldina zur nationalen Akademie ausgerufen und wird im Notfall diesen Akt auch gegen abweichende Länderinteressen durchsetzen. Sie ist nicht mehr bereit, über ihren Vorschlag erneut jahrelang zu diskutieren. Sie gibt 80 Prozent der benötigten Gelder für die nationale Akademie und das Sitzland Sachsen-Anhalt steuert 20 Prozent bei: Im Jahr 2008 wird die Nationale Akademie ins Leben gerufen.

In Deutschland wird seit 1987 über eine Akademie neuen Typs diskutiert, die zugleich Politikberatung bieten soll. Die damals in West-Berlin ins Leben gerufene Akademie wurde nicht von Senioren, sondern von aktiven Wissenschaftlern geprägt. Ziel war es, wichtige Themen innerhalb von drei Jahren zur Politikberatung aufzuarbeiten. Nach der Wiedervereinigung griff die Berlin-Brandenburgische Akademie diese Konzeption auf, machte sich damit aber bei den etablierten deutschen Akademien unbeliebt.

Das Thema der nationalen Akademie wurde zum Filibuster. In Deutschland ist es üblich, über wichtige Fragen zehn Jahre und länger zu diskutieren, ohne einer Lösung näher zu kommen. Die Wissenschaftsorganisationen pflegen ihre Eitelkeiten, die Länder den föderalen Egoismus.

Dieses beliebte deutsche Spiel hat dazu geführt, dass die großen Akademien der Welt die jahrelang vermisste deutsche Stimme selbst ausgewählt haben: die Leopoldina in Halle als die älteste Akademie der Naturwissenschaften. Wenn Schavan jetzt die Leopoldina zusätzlich aufwertet, hat sich die normative Kraft des Faktischen durchgesetzt.

Was zeichnet die Leopoldina aus? Sie hat sich den Forderungen der Weltakademien aus Amerika, Asien und Europa angepasst, innerhalb eines halben oder eines Jahres Stellungnahmen zu erarbeiten, und zwar zu so bedeutenden Fragen wie dem Klimawandel, der Zukunft der Energien, der Bekämpfung der Infektionskrankheiten und einer Hilfe für den vernachlässigten afrikanischen Kontinent. Vor den Gipfeltreffen der G 8, der bedeutendsten Staaten der Welt, werden die Akademien als Ratgeber gefragt. Auch die EU versichert sich der Expertise der Akademien, wenn wichtige Entscheidungen auf europäischer Ebene anstehen. Die Leopoldina ist immer dabei.

Die Gutachten der Weltakademien haben einen Umfang von zwei bis 20 Seiten. Sie sind damit für die Politiker lesbar und in einer Sprache verfasst, die auch der Laie verstehen kann. Diese Verfahrensweisen sind der deutschen Tradition fremd. Gutachten in Deutschland müssen als Bücher von mindestens 100 Seiten möglichst abstrakt formuliert werden.

Die Union der deutschen Länderakademien ist empört. Dabei hat sie sich alles selbst zuzuschreiben: Wer einen Konvent mit 120 bis 200 Wissenschaftlern zur Politikberatung ins Leben rufen will, ein Präsidium für die deutsche Nationalakademie plant, das der Leitidee folgt, die regionalen Akademien abzubilden, hat den Zug der Zeit nicht verstanden.

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